Ausgabe № 01 · Juli 2026 · Das digitale SciFi-Magazin
Genesis
Woher die Science-Fiction kommt, warum es BuchKnall gibt, und was am Anfang einer jeden Welt steht.
- Das Founder-Interview zum Auftakt
- Das Aus für die Stargate-Wiederbelebung
- Project Hail Mary: Kinohit und Rezension
- Welcher SciFi-Typ bist du? Das Quiz
- Buch des Monats, fair verlost
Was in dieser Ausgabe steht18 Rubriken · antippen zum Aufklappen
Editorial
Am Anfang war eine Frage
Was fehlt der Science-Fiction in Deutschland?
Wir glauben: Wer denkt, Science-Fiction sei etwas für Nerds, der hat nur nicht verstanden, wo das Faszinosum liegt. Der deutschsprachigen Science-Fiction mangelt es nicht an Talent oder Leserschaft. Was ihr fehlt, ist ein Ort, an dem das Gute sichtbar wird. Schon 1634 schickte der Astronom Johannes Kepler in seinem Werk Somnium einen Menschen im Traum zum Mond, oft genannt die erste Science-Fiction-Geschichte. 1818 gab Mary Shelley mit Frankenstein der Wissenschaft ein Gewissen. Und seitdem ist das Genre der Ort, an dem die Menschheit ihre Zukünfte durchspielt, bevor sie passieren.
BuchKnall existiert, weil diese Geschichten im deutschsprachigen Raum zu oft untergehen. Zwischen zehntausend Titeln, von denen niemand weiß, welche ein Mensch geschrieben hat, verschwindet das Gute im Lärm. Wir bauen den Gegenort: ein kuratiertes Lexikon, in dem ein Indie-Debüt gleichberechtigt neben den großen Namen steht, weil ein Mensch es geprüft, eingeordnet und kuratiert hat.
Und es wirkt. Im Juni 2026 kommen rund dreitausend Menschen im Monat hierher, Tendenz klar steigend. Diese Sichtbarkeit lässt sich messen. In den letzten Wochen sind die größten Bauwerke der Seite entstanden: eine begehbare Reise in ein Schwarzes Loch, der vollständige Messier-Katalog mit allen 110 Objekten, eine interaktive Galaxy Map der Science-Fiction und eine Flotte aus 61 Raumfahrtmissionen von der Sonne bis in den interstellaren Raum. Damit ist BuchKnall das größte kuratierte Science-Fiction-Lexikon im deutschsprachigen Raum, und es kommt noch viel.
Das ist das Versprechen dieses Magazins und dieser Seite. BuchKnall wird der Anlaufpunkt für die deutschsprachige Science-Fiction und ihre Nachbargenres. Ein Ort, an dem Autorinnen und Autoren sichtbar werden, an dem Leserinnen und Leser finden, was sie noch nicht kannten, und an dem wir alle spüren, dass dieses Genre lebt. Willkommen in der ersten Ausgabe.
Steffen Vogt
„Ein Indie-Debüt steht hier gleichberechtigt neben den großen Namen, weil ein Mensch es geprüft, eingeordnet und kuratiert hat."Steffen Vogt · Gründer von BuchKnall
Schon in den ersten Wochen haben uns Dutzende Nachrichten von Autorinnen, Autoren und Lesenden erreicht. Fast alle benennen denselben Bedarf, den BuchKnall endlich füllt, und sie tun es in klaren Worten.
Leserstimme des Monats„Endlich ein Portal, um das Genre aus den Schranken eines einzelnen Trends oder Mainstreams zu befreien und seine ganze Vielfalt sichtbar zu machen!"
Markus Gerwinski, Hard-SciFi-Autor · Urgestein der Nische Website Instagram Der Sagittarius-Krieg
„Endlich kann ich nach Subgenre filtern."Aus einer Lesernachricht
„Endlich ein Ort für alle."Aus einer Autorennachricht
„Das Sichtbarkeitsmodell ist echt mega."Aus einer Autorennachricht
„Tausend Dank für das Konzept."Aus einer Lesernachricht
BuchKnall wurde ins Awin-Partnerprogramm von Thalia aufgenommen. Bald lassen sich Bücher hier auch über Thalia kaufen, nicht mehr nur über Amazon.
Hier geht es um die, um die es gehen soll: lebende, schreibende, deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus dem Selfpublishing. Drei aus dem aktuellen Eingang, von einem Menschen geprüft und kuratiert.
Crimewatch: Gefährliche TräumeNear-Future-Dystopie um einen Polizei-KI-Experten, der im totalen Überwachungsstaat einen verschwundenen Kollegen jagt.
Etomi: ErwachenQueere Post-Climate-Reihe um eine Wahlfamilie nach dem Kollaps, angesiedelt im heutigen Brandenburg.
Die KämpferinSolarpunk mit Hopepunk-Herz: eine aus dem Kälteschlaf erwachte Heldin kämpft für eine unterdrückte Gemeinschaft. Tippe eine Kachel an für Einordnung und Hintergrund.
Andy Weirs Hard-SF-Bestseller kam im März 2026 ins Kino und wurde zum Hit. Unsere ausführliche Besprechung des Romans steht weiter unten im Heft.Zur Rezension →Sollten KI-geschriebene Bücher für Leserinnen und Leser sichtbar gekennzeichnet sein?
Ab dem 2. August 2026 verlangt der EU AI Act eine Kennzeichnung für bestimmte KI-generierte Texte. Amazon dagegen erfasst KI-Inhalte zwar intern, zeigt das Label aber nicht im Shop an. Während Content-Farmen den Markt mit Masse fluten, stehen Transparenzpflicht und Plattformpraxis im offenen Widerspruch.
Leser haben ein Recht zu wissen, was ein Mensch geschrieben hat und was eine Maschine ausgegeben hat. Ein sichtbares Label trennt Handwerk von Massenware, schützt Autorinnen und Autoren vor unfairer Verdrängung und macht den Markt wieder lesbar.
Eine Kennzeichnung ist nur so gut wie ihre Durchsetzung. Wer ehrlich meldet, wird benachteiligt, wer es verschweigt, gewinnt. Solange Plattformen das Label verstecken und Content-Farmen über hunderte Konten ausweichen, beruhigt die Pflicht das Gewissen, ohne das Problem zu lösen.
Tippe auf eine Seite, um abzustimmen. Das Ergebnis wird mit allen geteilt.
BuchKnalls Haltung ist klar: Bei uns kuratiert ein Mensch, KI-Massenware fliegt raus. Welche Seite überzeugt dich?
Sag deine Meinung im Forum →
Zitat des Monats
„Wir werden eines Tages zum Mond, zu den Planeten und zu den Sternen reisen, so leicht, schnell und sicher, wie man heute von Liverpool nach New York fährt."
Jules Verne · Von der Erde zum Mond, 1865, Kapitel XIX
Verne schrieb diesen Satz 1865, fast vier Jahrzehnte vor dem ersten Motorflug und mehr als ein Jahrhundert vor Apollo 11. Eine Kanone schoss seine Reisenden Richtung Mond, die Physik dahinter war grob, die Sehnsucht dahinter genau richtig. Aus dieser Sehnsucht ist ein ganzes Genre geworden. Für eine Ausgabe über die Ursprünge der Science-Fiction gibt es keinen passenderen Auftakt als die Stimme, die das Reisen zwischen den Welten zur Selbstverständlichkeit erklärte, lange bevor es eine gab.
Foto: Félix Nadar (1820–1910), gemeinfrei, via Wikimedia Commons · Zitat aus der BuchKnall-Zitate-Datenbank
Wir bauen den Gegenort zum Lärm.
Füllt man die Drake-Gleichung optimistisch aus, könnten allein in der Milchstraße Zehntausende intelligente Zivilisationen existieren. In einer Galaxie wie dieser, der Whirlpool-Galaxie, vielleicht noch viel mehr. Dahinter zahllose Geschichten und Tragödien, Leben in jeder Form, gerecht und ungerecht. Vielleicht sehen manche fast aus wie wir. Vielleicht sehen am Ende alle so aus. Jede Galaxie trägt ihre eigene Geschichte.
↑ Messier 51, die Whirlpool-Galaxie · rund 31 Mio. Lichtjahre · NASA / ESA, gemeinfrei
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Das Interview · Genesis Nr. 1 · mit Gründer Steffen Vogt
„Wir erdenken das, worauf sich andere später beziehen. Wir geben der Menschheit ein Langzeitziel und dem Firmament jede Menge Namen."
Warum gibt es BuchKnall?
In Deutschland wird Science-Fiction stiefmütterlich behandelt. Ein Land der Ingenieure und Dichter, und ausgerechnet das Genre, das Technik und Vorstellungskraft verbindet, fristet ein Schattendasein. Das passt nicht zusammen. Ich arbeite als SEO-Manager, ich sehe die Suchanfragen, ich sehe die Lücke und die Nachfrage dahinter. Da liegt eine echte Chance. Sie gehört nicht mir allein, sie gehört allen, die in diesem Genre schreiben und lesen. BuchKnall gibt es, weil diese Chance ergriffen gehört.
Was ist dieses Magazin, und warum fängst du selbst im Interview an?
BuchKnall ist eine kuratierte Science-Fiction-Post. Sie zeigt, wie sehr wir alle dieses Genre leben: neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, Film und Medien, die frischen Gerüchte, neue Autorinnen und Autoren, das Buch des Monats und vieles mehr. Das Magazin gibt Autoren Sichtbarkeit und macht greifbar, was da ist. Science-Fiction lebt und atmet und wächst, wir alle sind ein Teil davon und können sie prägen. Ich fange selbst an, weil jemand den ersten Schritt machen muss. Danach gehört diese Bühne den Autorinnen und Autoren.
Wie läuft so ein Autoren-Interview ab, was können die Autoren erwarten?
Ganz unkompliziert. Jede und jeder beantwortet ein paar offene Fragen, die ihr oder ihm wichtig sind. Wir erfahren das, was sie oder er uns mitteilen will, das, was wirklich zählt. So bekommen wir die Chance, den Menschen hinter dem Buch besser zu verstehen.
Warum wird das Buch des Monats verlost und nicht verkauft?
Das Buch des Monats ist das Gegenstück zum Buch der Woche. Die Sichtbarkeit, die ein Buch braucht, lässt sich beim Buch der Woche durchaus erwerben. Das Buch des Monats dagegen bleibt frei. Es gibt Indie-Autoren, Selfpublishern und kleinen Verlagen ein Ticket zur Sichtbarkeit, Monat für Monat. SciFi-Sichtbarkeit ist in Deutschland teuer und streng kuratiert. Auf BuchKnall nicht. Diese Zeiten sollen sich ändern.
Was wünschst du dir von den Autoren, die hierherkommen?
Ich wünsche mir das Selbstvertrauen, das aus einer einfachen Erkenntnis wächst: Science-Fiction ist wichtig. Wir gehören zu den Vordenkern, die die Zukunft prägen. Wir erdenken das, worauf sich andere später beziehen. Wir warnen vor Gefahren und erkennen Chancen. Wir blicken in den Kosmos und lassen den Tellerrand hinter uns. Wir geben der Menschheit ein Langzeitziel und dem Firmament jede Menge Namen.
Atempause
Am Anfang war der Himmel. Und jemand sah hinauf.
Träume vom Weltraum
Ein Überblick über die Geschichte der Space Opera
Wie lange träumen Menschen schon vom Weltraum? Für rund ein Jahrhundert war die Space Opera ein dominierendes, wenn nicht das dominierende Subgenre der Science-Fiction. Einige Jahrzehnte lang schien die Zukunft gleichbedeutend mit dem Aufbruch ins All, und die Buchhandlungen waren voll mit Romanen, Anthologien und Groschenheften, die ausmalten, welche Wunder dem Menschen im Weltraum begegnen würden.
Schaut man sich heute, Anfang der 2020er, die SF-Ecke im Buchladen an, scheinen diese Zeiten vorbei. Dominierend sind Dystopien, Untergangsszenarien und Thriller über künstliche Intelligenz. Außer in ein paar traditionsreichen Reihen kommt das Weltall meist düster, schwarz und leer daher. Waren die Träume vom Weltall also nur eine kurze Episode der phantastischen Literatur? Oder können sie wiederkehren?
Zur Beantwortung hilft ein Blick auf die Geschichte der Space Opera. Sie mag heute als Subgenre der Science-Fiction gehandelt werden, aber das war nicht immer so. Genau genommen ist die Space Opera, wenn man sie als das Genre von Reisen durch das Weltall definiert, älter als die gesamte Literaturgattung der Science-Fiction. Sogar sehr viel älter.
Teil 1: Am Anfang
Etwa im 24. Jahrhundert vor Christus begann man in Babylon, Gedichte und Epen aufzuschreiben. Das noch junge Medium Schrift, das bis dahin vor allem bürokratischen Zwecken gedient hatte, wurde so erstmals zum Vermittler unterhaltsamer Geschichten. Zu diesen frühen Gehversuchen der Belletristik gehört das Epos des sumerischen Königs Etana. Neben vielen anderen Taten beschreibt der Text Etanas Versuch, auf einem Adler zur Göttin Ischtar hinaufzureiten. Während dieses Rittes sieht er hinab und überschaut die gesamte Erdenscheibe auf einmal. Als die Erde immer weiter unter ihm zusammenschrumpft, verlässt ihn der Mut, er lässt den Adler los und stürzt in die Tiefe. In einem anderen Bestseller jener Zeit findet dessen Titelheld Gilgamesch Etanas zerschmetterte Überreste.
Unübersehbar enthält die Geschichte eine Lektion über Hybris: König Etana wagt sich weit aus den sicheren Gefilden der Sterblichen hinaus und bezahlt dafür mit dem Leben. Ein Text, der zu Höhenflügen ermutigen wollte, ist das gewiss nicht. Es ist aber zugleich der älteste erhaltene Text, in dem je die Idee formuliert wurde, so hoch zu fliegen, dass man die ganze Erde auf einen Blick erfasst. Dass ein solches Abenteuer gleich zu den ersten Geschichten gehört, die überhaupt aufgeschrieben wurden, deutet darauf hin, dass der Traum, das All in seiner ganzen Größe zu bereisen, noch älter ist. Vielleicht so alt wie die Menschheit selbst. In diesem Sinne handelt es sich um die älteste erhaltene Space Opera der Literaturgeschichte.
Weiterlesen: von der Antike bis zur Zukunft der Zukunft
Teil 2: Von der Antike bis zur Neuzeit
Mit der Zeit wandelte sich das Bild des Kosmos und mit ihm die Vorstellung von Raumfahrt. Die folgenden Meilensteine der frühen Space Opera stehen im Buch Phantastische Raumfahrt von Heinar Köhl (Goldmann Verlag, 1970). Lukian von Samosata formulierte im 2. Jahrhundert nach Christus in seiner Wahren Geschichte erstmals die Vorstellung von Himmelskörpern als Inseln im Himmel, die man betreten und besiedeln könne; in seiner Handlung führen die Bewohner von Sonne und Mond Krieg gegeneinander. Johannes Kepler erklärte 1610 in Ein Traum von Levania, wie ein Mondbewohner den dortigen Tag-Nacht-Zyklus mit der Erde am Himmel erleben würde. 1744 beschrieb Eberhard Kindermann in Die Reise der Fünf eine Reise zum Mars, mit einem Flugschiff nach dem Entwurf des Jesuiten Francesco Lana Terzi. 1752 ließ Voltaire in Micromegas einen Besucher vom Sirius einen Disput mit Gelehrten auf der Erde führen.
So revolutionär diese Texte waren, blieben sie doch rein metaphorisch. Lukian verstand seine Wahre Geschichte als überzogene Parodie auf die griechischen Heldensagen. Keplers Traum gleicht eher einem theoretischen Vortrag als einer Geschichte. Voltaire ging es vor allem darum, von einer ungewöhnlichen Perspektive aus die Selbstgewissheiten der Menschen in Frage zu stellen. Keine dieser Geschichten nahm für sich in Anspruch, etwas zu beschreiben, was eines Tages Wirklichkeit werden könnte. Dieser Anspruch kam erst im Zeitalter der Dampfmaschine auf.
Teil 3: Eine reine Frage der Technik
Der rapide technische Fortschritt des 19. Jahrhunderts brachte eine neue Literaturgattung hervor: Visionen davon, was mithilfe der Technik eines Tages möglich sein würde. Als Wegbereiter gilt mit einiger Berechtigung Jules Verne. 1865 trafen in seinem Roman Von der Erde zum Mond erstmals die Träume vom Flug in den Weltraum auf harte Zahlen und Theorien. Das Buch wimmelt von Dialogen, in denen Daten der Mondbahn, die Bauweise des Raumfahrzeugs und die Energieausbeute des Treibstoffs diskutiert werden. Vernes Roman war nicht als Metapher gedacht, sondern als gründlich durchdachte technische Spekulation.
Vernes Romane waren ein Anfang, ein Nischenprodukt im weiten Feld der Abenteuerliteratur. Doch sie inspirierten andere. H.G. Wells nahm sich in Die ersten Menschen auf dem Mond (1901) einer Mondreise an, nachdem er in Krieg der Welten (1898) das umgekehrte Motiv behandelt hatte. Optimistischer ging Kurd Laßwitz das Thema in Auf zwei Planeten (1897) an, während Hans Dominik seine Pioniere in Romanen wie Das Erbe der Uraniden (1926) ins All aufbrechen ließ. In Amerika schrieb Stanley G. Weinbaum mit der Kurzgeschichte Mars-Odyssee (1934) einen Meilenstein des Genres. Dennoch blieb der Weltraum nur ein Thema unter vielen, bis ein paar technische Neuerungen ihn auch in der Realität in greifbare Nähe rückten.
Teil 4: Das Goldene Zeitalter
Der Krieg, sagt man, ist der Vater aller Dinge. Der Zweite Weltkrieg löste einen Hagel technologischer Durchbrüche aus, und das blieb nicht ohne Auswirkung auf die Science-Fiction. Zeigt ein Sammelband des Astounding Magazine von 1939 zwischen Fantasy- und Horrorstories nur wenige technische Geschichten, so spielen im Band von 1943 schon fünf von sechs auf Raumschiffen und fremden Planeten.
Das Kriegsende löste in den USA eine Welle von Zukunftsoptimismus aus. In den 1940er bis 1960er Jahren entwarfen Autoren wie Heinlein, van Vogt, Asimov und Clarke das schillernde Gemälde einer Zukunft im All. Der Aufbruch in den Weltraum schien so selbstverständlich, dass niemand mehr fragte, ob er je stattfände. Parallel nahm auch im Ostblock die Zukunftsvision Fahrt auf, und wo die westliche SF actionbetont daherkam, bauten die östlichen Utopien auf humanistischen Traditionen. Prägend wurden Lem, Gansowski, die Strugazki-Brüder und das Ehepaar Steinmüller. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs wurde Science-Fiction geradezu synonym mit den Träumen vom Weltraum, nicht zuletzt, weil sie mit dem Wettlauf zum Mond zusammenfiel. Als der Mond erreicht war, verlor sich der Schwung.
Teil 5: Die Zukunft der Zukunft
Zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde die technische Space Opera erwachsen. Naive Abenteuerlust wich praktischen Überlegungen, was Menschen überhaupt ins All treiben könnte. Die Suche nach Reichtümern schied aus: Die Planeten des Sonnensystems hatten sich als unbewohnbar erwiesen, die Raumfahrt als aufwändig und teuer. Zugleich machten automatisierte Sonden viele Genrekonventionen obsolet. Solange es der Menschheit auf der Erde gut ging, schien es keinen Grund zu geben, sie zu verlassen.
So stürzten sich die Autoren des frühen 21. Jahrhunderts auf die großen Krisen, die eine baldige Apokalypse verhießen: Bevölkerungswachstum und Klimawandel. Die Flucht von einer sterbenden Erde wurde zum dominierenden praktischen Grund für den Aufbruch ins All. Dadurch breitete sich das Gefühl aus, man müsse schon verzweifelt sein, um in den Weltraum fliegen zu wollen. Die bunte, abenteuerliche Space Opera existierte weiter, legte aber jeden Anspruch ab, eine realistische Zukunft darzustellen, und wurde zu reiner Fantasy vor Weltraum-Dekor.
War es das also? Enden die Träume vom Weltraum gefangen zwischen Endzeit und Eskapismus? 4000 Jahre Space Opera sprechen eine andere Sprache. Es hat immer schon jene gegeben, die keinen Anreiz wie ferne Reichtümer oder die Flucht vor dem Untergang brauchten, denen die Aussicht auf neue Horizonte allein genügte, um vom Aufbruch ins All zu träumen. Sie formulierten die Visionen, die andere motivierten, ernsthaft in den Weltraum zu streben. Es gäbe heute keine Satellitenkommunikation ohne die Sage von Etana und dem Adler. Um die Krisen der Gegenwart zu überstehen, werden wir positive Aufbruchsvisionen für die Zeit danach brauchen. Schreibt sie.
Text und alle Rechte: Markus Gerwinski. Abdruck mit freundlicher Genehmigung und auf ausdrücklichen Wunsch des Autors. Erstveröffentlichung am 19. Juli 2022 auf markus.gerwinski.de. Markus Gerwinski schreibt Hard SF, unter anderem die Reihe Der Sagittarius-Krieg.
Spoiler-Warnung: Diese Rezension verrät Handlungsdetails aus Der Astronaut von Andy Weir.
Selten hat eine Weltrettung so viel Spaß gemacht. Ryland Grace erwacht allein auf einem Raumschiff, ohne Erinnerung, mit zwei toten Crewkollegen und der vagen Ahnung, dass das Schicksal der Erde an ihm hängt. Andy Weir nimmt dieses düstere Setup und macht daraus den herzlichsten Hard-SF-Roman seit langem.
Das Buch funktioniert wie eine Kette aus Rätseln. Ein Problem wird gestellt, Grace tüftelt, scheitert, rechnet, findet eine Lösung, und das nächste Problem wartet schon. Weir bleibt dabei wissenschaftlich erstaunlich sauber, von der Astrophage bis zur Sternenphysik von Tau Ceti. Wer Der Marsianer mochte, ist sofort zu Hause. Und hier liegt die echte Schwäche: Die Nebenfiguren in den Rückblenden bleiben blass, und Grace ist fast zu kompetent, um wirklich zu scheitern. Wer auf jedes Problem eine Lösung findet, riskiert selten etwas, und so fehlt dem Buch trotz aller Hochspannung an manchen Stellen die Fallhöhe.
Das eigentliche Herz aber ist eine Freundschaft, die ich hier nicht verrate. Nur so viel: Der Erstkontakt in diesem Buch bedroht niemanden. Er ist eine der wärmsten Beziehungen, die das Genre zu bieten hat, und er trägt den Roman über jede technische Hürde hinweg bis zu einem Ende, das wehtut und glücklich macht zugleich.
Hard SF mit Herz, klug und überraschend bewegend. Eine klare Empfehlung.
Spoiler-Warnung: Diese Kritik verrät Handlungsdetails aus dem Film Project Hail Mary.
Wer einen dramatischen Film nah an Ressourceneinteilung und Einsamkeitsbewältigung erwartet, so wie Der Marsianer, wird umdenken müssen. Selten hat uns ein Film so überrascht.
Wer Spoiler vermeiden will, sollte an dieser Stelle stoppen und den Film nachholen. Es lohnt sich.
Die Sonne wird von Weltraumbakterien aufgefressen. Die Erde schickt einen Wissenschaftler mit Mutproblemen auf eine Lichtjahre lange Reise, um nach einer Lösung zu suchen. Er findet ein Alien mit demselben Problem, die beiden beginnen ihre Zusammenarbeit, und es nimmt seinen Lauf. Seinen guten Lauf. Das ist so verrückt, das würde man in keinem Ostseekrimi je lesen. Science Fiction auf Steroiden, herrlich locker präsentiert, und Ryan Gosling in verletzlicher Manier.
Früher war der Begriff Popcorn-Kino despektierlich. Heute können wir mit Überzeugung sagen, dass es eine neue Form davon gibt, eine gute.
Science Fiction mit Herz, Spannung, Humor und Innovation, und trotzdem familientauglich. Das geht. Erstaunlich gut sogar. Die neuen Ideen kommen nicht zu kurz, sie werten den Film in beinahe jedem Abschnitt auf. Es scheint, als wäre Ryan Gosling, der hier auch Produzent ist, der Spagat gelungen. Zur Story sei so viel verraten: Sie geht auf, sie trägt, die Atmosphäre ist nie langweilig, und man würde sich in diesen Jahren mehr Kinomaterial mit Substanz wünschen, abseits von Storykonserven und Klischees.
Aber das haben wir wohl Andy Weir zu verdanken, der als kampferprobter SciFi-Autor genau wusste, was er tat, und den Menschen eine weitere spektakuläre Geschichte aufgetischt hat.
Ein Klasse-Film. Und fürchterlich gut investierte Stunden für Science-Fiction-Aficionados. Wir wissen, was gut ist.
Das Diptychon
Ein Diptychon ist ein zweiteiliges Bildwerk aus zwei Tafeln. Hier: eine reale Messung neben einer erfundenen Welt.
Die Messung: 1995 fanden Michel Mayor und Didier Queloz mit 51 Pegasi b den ersten Planeten um eine ferne Sonne. Plötzlich war jeder Stern am Himmel ein möglicher Schauplatz. 2019 gab es dafür den Nobelpreis.
Die Erfindung: Schon 1937 ließ Olaf Stapledon in Star Maker einen Geist durch Milliarden bewohnter Welten reisen, fast sechzig Jahre bevor die Wissenschaft die erste fremde Welt überhaupt bestätigte.
Buch des Monats
Raumkreuzer HORUS - Das Androiden Grab
A. T. Wolter · Erstkontakt, vierter Band der Reihe Raumkreuzer HORUS
Der Planet Aurea dürfte es nicht geben, zu perfekt seine Form, zu perfekt seine Umlaufbahn. Die Crew der HORUS um Captain Stephen Coons landet trotzdem und stößt unter der Oberfläche auf ein Grab aus toten Androiden und einen einzigen Überlebenden, der seit Jahrtausenden auf ein Signal wartet. Klassische Erstkontakt-Mystery mit viel Sense of Wonder. Gezogen aus einer fairen Lostrommel, gleiche Chance für alle, hier entscheidet das Los und nicht die Reichweite. Dreißig Tage Spotlight und ein dauerhafter Platz in der ewigen Rangliste.
Bei Amazon ansehen →Leitthese
Ein Mensch hat es geprüft, eingeordnet und kuratiert. Das ist der ganze Unterschied.
Das ist die Leitthese, an der wir alles messen.

Begriff der Ausgabe
Das Generationenschiff
Ein Raumschiff, das so lange zwischen den Sternen unterwegs ist, dass niemand von der Startbesatzung die Ankunft erlebt. An Bord wird geboren, gelebt und gestorben. Die Ankommenden sind die Urenkel der Aufgebrochenen, und das Schiff ist die einzige Welt, die sie je kannten. Kim Stanley Robinson zeigt in Aurora, wie unbarmherzig real dieser Traum wäre.
// Aurora im LexikonSubgenre-Spotlight
Cyberpunk
High Tech, low life. Regen auf Neon, Konzerne größer als Staaten.
Cyberpunk im LexikonGroßserien-Spotlight
Stargate
Seit 1994 · 1 Kinofilm, 3 Serien, 17 Staffeln
Was 1994 als Kinofilm begann, wuchs mit SG-1, Atlantis und Universe zu einem der langlebigsten Science-Fiction-Universen des Fernsehens, getragen von einer außergewöhnlich treuen Fangemeinde.
Genau diese Treue steht gerade auf der Probe. Amazon MGM hat die für 2025 angekündigte Wiederbelebung der Serie 2026 überraschend gestoppt, nach abgeschlossenem Writers Room und mitten in der Vorproduktion. Ein Führungswechsel und ein neuer Strategiekurs gelten als Auslöser. Die Fans laufen Sturm, sammeln Unterschriften und kündigen reihenweise ihre Abos.
Sogar Daniel-Jackson-Darsteller Michael Shanks meldete sich Anfang Juni zu Wort und rief die Fans auf, jetzt laut zu werden, sonst sei dieses Kapitel für immer vorbei.
Michael Shanks' Aufruf auf X ↗Mitreden im Forum →
Die Kurzgeschichte · Erstabdruck
Ein Funke, der länger anhält
von Steffen Vogt
Geboren aus Staub und Gas, der Druck gebar einen Funken. Er brachte Feuer und Wandel, und mit ihm jedes Paar Augen, das wir je gesehen haben. Lange bevor es einen Namen für das Licht gab, gab es das Licht, und alles, was später daraus wurde, war schon in diesem ersten Aufflammen angelegt.
Am Anfang muss es ein einziger Funke gewesen sein, ein einziger Atomkern, der sich zuerst an einen anderen gebunden hat und aus dem am Ende ein schwarzes Loch wird, so wie aus allem im Universum. Die Sterne tun seit jeher dasselbe. Sie pressen das Leichte ins Schwere, leuchten, solange der Vorrat reicht, und sinken danach in sich zusammen. Selbst du wirst ein schwarzes Loch und endest in der Leere. Dieselbe Verwandtschaft verbindet uns mit jedem Stern am Himmel.
Für die Sonne ist es nur ein Funke, der länger anhält. Erst das Leuchten, dann das Abkühlen und schließlich der Tod. Sternenstaub oder das kalte Schwarz, beides nimmt am Ende jede Geschichte mit sich. Was bleibt, ist das kleine Fenster dazwischen, und dieses Fenster ist Leben, Liebe, Hass, Angst, Geborgenheit, Freude und Leid. Dazwischen liegt alles, was das Leben zu bieten hat.
Auf der Skala der Sterne ist ein Menschenleben kürzer als ein Wimpernschlag. Und doch ist es der einzige Ort, an dem das Universum sich selbst betrachtet. Ein Stern brennt, ohne es zu wissen. Wir wissen es. Darin liegt der ganze Unterschied, und darin liegt unsere Aufgabe.
Bis dahin nimm den Funken und überlasse es nicht dem Zufall, wie viel Wert wir schaffen und wie viel freudige Momente für andere daraus erwachsen. Eine Hand, die jemanden hält, ein Wort, das bleibt, sind winzige Stücke Sonne, die wir weitergeben, lange bevor unsere eigene erlischt. Wärme ist das Einzige, was sich vermehrt, wenn man sie verschenkt.
Wenn wir in den Himmel blicken, wissen wir, dass wir am Ende nur ein Moment der Entropie waren, der nur einen Wert hatte, wenn wir ihn spüren. Das All zählt allein die Zeit und kühlt langsam aus. Den Sinn legen wir selbst hinein, mit jeder Stunde, in der wir wach und einander zugewandt sind.
Wir geben der Sonne ihren Sinn und dem Leben einen Wert. Nutzen wir ihn.
Witz der Woche
„The Great Filter? BuchKnall glaubt ja, wir stehen einfach nur nicht auf der Gästeliste."
— BuchKnall
Mitmachen
Welcher SciFi-Typ bist du?
Wer die Zukunft lesen will, fängt am besten bei denen an, die sie sich ausdenken.
Biete gebrauchtes Generationenschiff, zwölf Decks, Garten leicht überwuchert, ein Vorbesitzer (schläft noch). Suche Zielsystem mit Aussicht. Chiffre 2387.
So alt ist die Science-Fiction. In diesem Jahr erschien Keplers Somnium, die erste Reise zum Mond auf dem Papier.
Vom Fermi-Paradoxon bis zum Warp-Antrieb
Das Board für die Wissenschaft hinter der Science-Fiction. Diskutier mit über das, was heute schon geht und was vielleicht nie funktioniert.
BuchclubWorüber gerade gelesen wird
Empfehlungen und Diskussionen rund um Science-Fiction im Buchclub-Board.
Frag die AutorenDer direkte Draht zu den Menschen hinter den Büchern
Leser fragen, Autorinnen und Autoren antworten. Stell deine Frage.
Aussicht
Das nächste Heft
Ausgabe 02 blickt dorthin, wo viele Geschichten enden und manche erst anfangen: das Ende der Welt. Untergänge, letzte Menschen, das Leben nach der Katastrophe und die Frage, was bleibt.
Du entscheidest mit, wohin Ausgabe 03 reist. Stimm im Forum ab →
Bisher haben uns 93 Einreichungen erreicht, 88 davon sind aufgenommen. Ein paar KI-Werke haben wir abgelehnt, einige Änderungswünsche der Autorinnen und Autoren eingepflegt. Die hundertste Einreichung ist in Reichweite.
Was fehlt BuchKnall? Welche Sektionen sollten wir öffnen? Wo passt etwas nicht, wo darf es mehr oder weniger sein? Wir wollen es wirklich wissen.
Werde Teil des Magazins
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Wer das Magazin über Ko-fi unterstützt, wird namentlich genannt. Unterstützerinnen und Unterstützer können ein kurzes Leserstatement einreichen. Die Redaktion entscheidet über Auswahl und Veröffentlichung. Unterstützung kauft keine Empfehlung, keinen Rankingplatz und keine redaktionelle Bewertung.
Die ersten Unterstützer erscheinen ab der nächsten Ausgabe an dieser Stelle, mit Namen.
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Dank
Diese erste Ausgabe endet mit einem ausdrücklichen Dank an Ben Männel. Er rezensiert unabhängig und unbefangen, darunter auch Steffens eigene Bücher, und er ist eine wichtige Stimme für die Science-Fiction im deutschsprachigen Buchraum. Wir sind sicher, dass diese Stimme weiter wächst. Folgt ihm als Buchkomet und auf Instagram.



