Konzept

Akzelerationismus

Philosophische Strömung, die radikale Beschleunigung technologischer und ökonomischer Prozesse fordert, eng verbunden mit Cyberpunk-Ästhetik.

Akzelerationismus ist eine philosophische Strömung, die technologische und sozioökonomische Prozesse nicht bremsen, sondern radikal beschleunigen will. Der Begriff wurde von Benjamin Noys geprägt, um eine Denkrichtung zu beschreiben, die in den 1990er Jahren am CCRU (Cybernetic Culture Research Unit) der University of Warwick entstand.

Die philosophische Vorgeschichte reicht weiter zurück. Gilles Deleuze und Félix Guattari formulierten bereits 1972 in Anti-Ödipus den vielzitierten Gedanken, den Prozess zu beschleunigen statt ihn aufzuhalten, in Anlehnung an Nietzsches Vorstellung einer Dekadenz, die durchlebt werden muss, um überwunden zu werden. Diese Zeile diente späteren Akzelerationisten als philosophischer Ankerpunkt.

Die Bewegung teilt sich in zwei gegensätzliche Flügel. Der rechte Akzelerationismus, vor allem mit Nick Land assoziiert, betrachtet den Kapitalismus als kosmische Kraft, die sich durch menschliche Gesellschaften hindurch selbst beschleunigt und letztlich in einer technologischen Singularität münden soll. Land verbindet diese Idee mit Cyberpunk-Ästhetik und einer bewusst provokativen Absage an humanistische Werte. Der linke Akzelerationismus, formuliert von Nick Srnicek und Alex Williams in ihrem Manifest von 2013, will die technologische Dynamik des Kapitalismus für post-kapitalistische Ziele einspannen: Vollautomatisierung, universelles Grundeinkommen und die Befreiung der Menschheit von entfremdeter Arbeit.

Der Kulturtheoretiker Mark Fisher, der selbst am CCRU mitwirkte, lieferte mit seinem Buch Capitalist Realism (2009) die Diagnose, aus der der linke Akzelerationismus seine Dringlichkeit bezieht: Für Fisher ist es inzwischen leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Der Akzelerationismus lässt sich als Versuch lesen, aus dieser Erstarrung eine Zukunft herauszubrechen: per Beschleunigung bei Land, per Umlenkung bei Srnicek.

Für die Science-Fiction ist der Akzelerationismus in mehrfacher Hinsicht relevant. Die Cyberpunk-Literatur der 1980er Jahre (William Gibson, Bruce Sterling) nahm viele akzelerationistische Motive vorweg: die Verschmelzung von Mensch und Technologie, die Dominanz der Konzerne, die Auflösung traditioneller Gesellschaftsstrukturen durch technologischen Wandel. Nick Lands eigene Texte lesen sich streckenweise selbst wie Science-Fiction.

Die Frage, ob technologischer Fortschritt kontrolliert werden kann oder ob er eine Eigendynamik entwickelt, die menschliche Steuerungsversuche überrollt, gehört zu den zentralen Themen der modernen Science-Fiction.

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Akzelerationismus. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/akzelerationismus/ (abgerufen am 28.08.2026).