Novum
Das zentrale spekulative Element, das eine Science-Fiction-Geschichte von realistischer Fiktion unterscheidet.
Das Novum (Plural: Nova) ist ein Begriff aus der SF-Theorie, geprägt vom Literaturwissenschaftler Darko Suvin. Es bezeichnet das neue, fremde Element in einer Geschichte, das die erzählte Welt grundlegend von unserer unterscheidet. Ohne Novum gibt es keine Science Fiction.
Ein Novum kann eine Technologie sein (Zeitmaschine, Warp-Antrieb), eine biologische Veränderung (Telepathie, Mutation), eine gesellschaftliche Struktur (Post-Scarcity, Dystopie) oder ein Naturphänomen (Erstkontakt, kosmische Anomalie). Entscheidend ist, dass es die Handlung antreibt und die Figuren zwingt, sich mit dem Neuen auseinanderzusetzen.
Suvin unterschied Science Fiction von Fantasy dadurch, dass das Novum kognitiv plausibel sein muss. Es muss zumindest theoretisch mit wissenschaftlichen Prinzipien vereinbar sein, auch wenn die Technologie heute nicht existiert. Ein Warp-Antrieb ist ein Novum, ein Zauberstab nicht.
Die Qualität einer SF-Geschichte hängt oft davon ab, wie konsequent das Novum durchdacht wird. Die besten Romane nehmen eine einzelne Prämisse und verfolgen ihre Konsequenzen bis ins Letzte. Ted Chiangs Story of Your Life fragt: Was passiert, wenn wir eine Sprache lernen, die die Wahrnehmung von Zeit verändert?
Darko Suvin hat den Begriff 1972 in seinem Buch Metamorphoses of Science Fiction geprägt und damit der SF-Theorie einen Werkzeugbegriff gegeben, der bis heute produktiv ist. Suvin war ein marxistischer Literaturwissenschaftler und sein Ansatz war dezidiert normativ: SF, die kein ernsthaftes Novum besitzt, betrachtet er als bloße Eskapistik. Diese Position ist inzwischen umstritten, weil sie genres wie Space Opera oder Military SF automatisch abwertet, aber der Begriff selbst hat sich als nützlich erwiesen, auch für Autoren, die Suvins Hierarchie nicht teilen.
Für das Schreiben von SF ist das Novum-Konzept ein nützliches Selbstbefragungs-Werkzeug. Die Frage 'Was ist das Novum meiner Geschichte, und welche Konsequenzen hat es wirklich?' zwingt zur Konsequenz. Viele schwache SF-Texte haben ein Novum auf der Oberfläche (die Geschichte spielt auf einer Raumstation, es gibt Mutationen), aber die Geschichte selbst wäre dieselbe, wenn man es entfernt. Das Novum muss die Erzählung antreiben, nicht dekorieren.
Gute SF denkt ihr Novum systematisch zu Ende. Isaac Asimovs Robotergeschichten beginnen mit dem Novum 'Roboter existieren und folgen den Drei Gesetzen' und erschöpfen dann konsequent die Implikationen über Dutzende von Erzählungen. Ursula K. Le Guin beginnt mit 'Was wäre, wenn eine Gesellschaft kein biologisches Geschlecht kennt?' und folgt dieser Frage bis in die sprachliche und politische Struktur ihrer Welt. Das ist Novum-Arbeit im besten Sinn.
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Novum. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/novum/ (abgerufen am 01.07.2026).
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