Ausgabe № 02 · August 2026 · Das digitale SciFi-Magazin
Das Ende der Welt
Untergänge, letzte Menschen und die Frage, was nach dem Schluss noch kommt.
- Der Buchkomet im Interview
- Der Gaststern von 1054, ein belegtes Weltende
- Independence Day und das verlorene Kino
- Der Brief, den niemand lesen soll
- Buch des Monats, fair verlost
Was in dieser Ausgabe steht26 Rubriken · antippen zum Aufklappen
Editorial
Zuerst glaubt es niemand
Wie ein Untergang beginnt, und wie ein Genre groß wird
Wir brauchen den Untergang. Er ist die älteste Denkübung der Menschheit, und die Science-Fiction betreibt sie gründlicher als jede andere Erzählform. In fast jedem guten Buch beginnt das Ende der Welt beinahe unbemerkt. Irgendwo fällt ein Messwert aus der Reihe, und man erklärt ihn mit einem defekten Gerät. Irgendwo anders meldet jemand eine Beobachtung, die nicht ins Bild passt, und man erklärt sie mit Einbildung oder mit schlechtem Licht. Die Zeichen häufen sich langsam, und der Unglaube wächst mit ihnen, denn je öfter das Unmögliche geschieht, desto entschlossener wird die Erklärung, dass es das gar nicht geben kann. Und dann, an einem ganz gewöhnlichen Dienstagnachmittag, passieren Dinge, die nach allem, was man zu wissen glaubte, nicht passieren dürfen.
Genau so sieht es übrigens auch aus, wenn ein Genre groß wird, und deshalb erzähle ich Ihnen das. Zuerst ist da eine Buchreihe, die niemand auf dem Schirm hatte und die plötzlich in jeder Auslage liegt. Dann kommt ein Film, der Zahlen macht, mit denen die Branche nicht gerechnet hatte, und man erklärt ihn zum Ausreißer. Dann startet ein Publikumsverlag eine Science-Fiction-Reihe, obwohl das angeblich niemand liest, und ein halbes Jahr später zieht der nächste nach. Die Zeichen häufen sich, und der Unglaube hält sich dabei erstaunlich hartnäckig, weil alle Beteiligten seit Jahrzehnten wissen, dass Science-Fiction in Deutschland eine Nische ist. Bis sie eben keine mehr ist.
Wir haben uns deshalb entschlossen, den Untergang selbst in die Hand zu nehmen und ihm ein ganzes Heft zu widmen, denn wenn es hier schon zu Ende geht, dann bitte redaktionell begleitet und mit ordentlichen Quellenangaben.
Das zweite Heft ist also da, und wir sind ehrlich gesagt ziemlich glücklich darüber, wie das erste gelaufen ist. Die Genesis-Ausgabe wurde gelesen, weitergereicht und kommentiert, und das Buch des Monats hat der Gewinnerin messbar mehr Leser gebracht, was uns mehr freut als jede Klickzahl auf unserer eigenen Seite. Danke dafür, an alle, die mitgemacht, geteilt und geschrieben haben.
In dieser Ausgabe steht ein Stern, der vor 6.500 Jahren erlosch und dessen Nachricht erst 1054 in China ankam, wo man sie ordentlich in die Akten schrieb. Dazu ein Roman, der die Menschheit über zwölf Jahrhunderte beobachtet und ihr am Ende weder verzeiht noch sie verurteilt, ein Blogger, der uns erklärt, warum er Bücher bespricht, an denen er nichts verdient, und ein Behördendokument aus dem Jahr 1993, in dem erwachsene Menschen ernsthaft versucht haben, eine Warnung zu formulieren, die auch in zehntausend Jahren noch verstanden wird.
Das Buch des Monats wird auch diesmal ausgelost. Wer bei uns ganz oben steht, steht dort, weil eine Trommel es so wollte. Viel Vergnügen mit dem Ende der Welt.
Steffen Vogt
Hier geht es um die, um die es gehen soll: lebende, schreibende, deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus dem Selfpublishing. Drei aus dem aktuellen Eingang, von einem Menschen geprüft und kuratiert.
SternenhoffnungPostapokalyptisches Schweden nach einer Alieninvasion. Sara sucht ihren Vater und bekommt eine verschlüsselte Botschaft von ihm. Endzeit als Suchbewegung statt als Kampf.
AmokbotEin Killerbot jagt Ressourcenverschwender. Jahrhunderte später graben ihn Naturschützer wieder aus, und er braucht dringend neue Ziele. Solarpunk mit spitzer Feder.
Scheiß auf SexyÜber Neu-Bangkok stürzt ein Wolkenwohnblock ab. Die achtjährige Lotti bleibt mit dem Roboter ihres Vaters zurück, der ebenfalls alles verloren hat. Tippe eine Kachel an für Einordnung und Hintergrund.
Braucht die Katastrophenerzählung ein Hoffnungsversprechen?
Die Frage ist nicht neu, aber sie hat inzwischen Daten. Der Literaturwissenschaftler Matthew Schneider-Mayerson hat untersucht, was Klimafiktion mit ihren Lesern tatsächlich macht, und die Befunde sind unbequemer, als beide Lager es gern hätten. Zwischen Hopepunk und Endzeit steht die Frage, ob Trost mobilisiert oder einschläfert.
Wer nur Untergang liest, wird fatalistisch. Eine Erzählung, die keinen gangbaren Weg zeigt, entlässt ihr Publikum in die Ohnmacht, und Ohnmacht handelt nicht. Bücher wie Das Ministerium für die Zukunft zeigen, dass man Katastrophe und Handlungsfähigkeit zusammen erzählen kann.
Ein versöhnliches Ende erlaubt es, das Buch zuzuklappen und weiterzumachen wie bisher. Die Erzählungen, die etwas verändert haben, waren die schonungslosen. Die Straße bietet keinen Ausweg an, und genau deshalb bleibt sie im Kopf.
Tippe auf eine Seite, um abzustimmen. Das Ergebnis wird mit allen geteilt.
Beide Lager haben einen gemeinsamen Gegner: die Postapokalypse als bequeme Abenteuerkulisse, in der der Untergang nur noch Dekoration ist. Welche Seite überzeugt dich?
Sag deine Meinung im Forum →Zitat des Monats
„Die Menschheitsgeschichte wird mehr und mehr zu einem Wettlauf zwischen Bildung und Katastrophe.“
H. G. Wells · The Outline of History, 1920, Kapitel 41
Wells schrieb diesen Satz 1920, mit dem Weltkrieg im Rücken und dem Giftgas noch in der Erinnerung. Er formuliert damit die Grundannahme jeder Weltuntergangserzählung, die etwas taugt: Das Ende kommt als Ergebnis eines Rennens, das wir selbst laufen. Die Bücher in dieser Ausgabe verhandeln alle dieselbe Frage in verschiedenen Kostümen. Einmal heißt das Rennen Asteroid, einmal Reaktor, einmal Maschine, die klüger wird als ihre Erbauer. Wells behauptet nichts über den Ausgang. Er sagt nur, dass beide Läufer noch auf der Bahn sind, und genau das macht den Satz nach über hundert Jahren immer noch unbequem.
Zitat aus der BuchKnall-Zitate-Datenbank
Im Sommer 1054 ging über China ein Stern auf, den es vorher nicht gegeben hatte.
Die Hofastronomen der Song-Dynastie nannten so etwas einen Gaststern und führten Buch darüber: 23 Tage lang stand er hell genug am Taghimmel, 653 Nächte blieb er sichtbar. Was sie notierten, war das Ende einer Sonne von etwa zehn Sonnenmassen. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon 6.500 Jahre tot, so lange war ihr Licht unterwegs. Der Untergang dauert an. Die Wolke fliegt mit rund 1.500 Kilometern pro Sekunde auseinander, im Zentrum rotiert der übrig gebliebene Kern dreißigmal pro Sekunde.
↑ Messier 1, der Krebsnebel · rund 6.500 Lichtjahre · Rest der Supernova von 1054 · NASA / ESA

Das Interview · Ausgabe 02 · mit Ben Männel, der Buchkomet
„Gerade im Verborgenen liegen die wahren literarischen Schätze.“
Wer bist du, und wie ist „der Buchkomet" entstanden? Was hat dich überhaupt zum Bloggen gebracht?
Mein Name ist Ben und ich bin seit zweieinhalb Jahren Buchblogger. Anfangs habe ich ausschließlich SciFi-Bücher rezensiert. Das wurde mir mit der Zeit allerdings etwas zu eintönig, seither bespreche ich fast alle Genres.
Woran erkennt man einen echten Buchkometen-Fund? Was muss ein Buch haben, damit du es unbedingt weitertragen willst?
Meistens erkennt man sie daran, dass sie nicht Mainstream sind. Sozusagen die verborgenen Perlen, Bücher, die nicht jeder auf dem Schirm hat. Sie müssen mich natürlich inhaltlich überzeugen und Neugier wecken. Gerade Self-Publisher schreiben richtig gute Bücher, die sich vor den großen Platzhirschen nicht verstecken müssen.
Wie ist deine Beziehung zur Science-Fiction? Warst du schon immer im Genre zu Hause, oder hat dich ein bestimmtes Buch reingezogen?
Ich war schon immer ein SciFi-Nerd, vor allem wenn es um Star Trek ging. Ich liebe die fast unendlichen Möglichkeiten des Genres.
Buchbloggen ist viel Arbeit, für die kaum jemand bezahlt. Was treibt dich an, warum machst du es trotzdem?
Ich lese ohnehin gern, dann kann ich meine Lesereise auch mit anderen teilen. Ich mache das alles, um Sichtbarkeit für die Bücher, die Autor:innen und auch die Verlage zu schaffen. Ich bespreche Bücher, auf die ich Lust habe, und ziehe daraus keinen finanziellen Vorteil.
Ich bespreche Bücher, auf die ich Lust habe, und ziehe daraus keinen finanziellen Vorteil.Ben Männel
Zwischen Bestsellern und Selfpublishing gehen viele Perlen unter. Wie findest du sie, und wie wichtig ist dir das?
Früher musste ich natürlich selbst recherchieren. Inzwischen schreiben mich aber so viele Self-Publisher, Indie-Autor:innen und Kleinverlage an, dass mich quasi die Geschichten entdecken.
Du bist Pate von BuchKnall geworden. Was hat dich überzeugt, und was hast du hier gefunden, das dir vorher gefehlt hat?
Ich finde das Konzept überaus spannend und war vom berühmten ersten Eindruck sehr beeindruckt. Ich mochte die kleinen Spielereien auf der Homepage, alles ist sehr ansprechend aufbereitet, und ich mag, dass die Sichtbarkeit für die vielen Autor:innen einfach da ist. Da musste ich natürlich Pate werden.
BuchKnall will ein Ort sein, an dem Autoren und Leser sich treffen. Wo siehst du als Blogger die größte Chance, wenn diese beiden Seiten näher zusammenrücken?
Ein klassisches Geben und Nehmen. Gerade wenn mehr Indie-Titel gelesen werden, ist das sehr lobenswert. Im Verborgenen liegen die wahren literarischen Schätze. Eine Website wie BuchKnall kann Leser:innen und Autor:innen besser zusammenbringen. Das Konzept, auf Lesevorlieben wie Hard SciFi oder First-Contact-Szenarien einzugehen und dann entsprechende Bücher angezeigt zu bekommen, ist mega.
Das eine Buch, das du jedem in die Hand drücken würdest, egal ob er Science-Fiction mag oder nicht. Welches ist es, und warum?
Derzeit wohl zwei Bücher: Lyneham von Nils Westerboer, ein SciFi-Roman allererster Güte und eines der besten SciFi-Bücher, die ich je gelesen habe. Und Jasper Field von Simon Jarr, ein Wirtschaftsthriller und Coming-of-Age-Roman, der zu dem Besten gehört, das ich je lesen durfte. Übrigens auch von einem Self-Publisher.
Ein bisschen träumen sei erlaubt: In welche erfundene Welt würdest du für eine Woche einziehen, und was würdest du dort als Erstes tun?
In viele vermutlich. Star Trek zum Beispiel, oder eine Cyberpunk-Welt wie Blade Runner. Vielleicht auch Star Wars, ein Lichtschwert würde ich schon gern mal ausprobieren. Oder Captain meines eigenen Raumschiffs werden. Alles interessante Möglichkeiten.
Zum Schluss: Was wünschst du dir für die Lese- und SciFi-Szene der nächsten Jahre, und was für BuchKnall?
Insgesamt wünsche ich mir, dass mehr Indie-Titel Aufmerksamkeit bekommen und dass man den literarischen Blick auch mal nach links und rechts dreht. Es gibt unglaublich viele talentierte Self-Publisher, die mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Das gilt auch für die SciFi. Für BuchKnall wünsche ich mir, dass es Leser:innen und Autor:innen zusammenführt und dass viele SciFi-Titel die Chance bekommen, entdeckt zu werden. Dafür gibt es jetzt schon einen guten Grundstein, auf den man aufbauen kann. Ich denke, BuchKnall hat eine brillante Zukunft.
Ben Männel bespricht seine Funde als der Buchkomet auf Instagram, quer durch die Genres und mit einem Faible für das, was sonst untergeht.
Atempause
Der Weltuntergang ist die einzige Katastrophe, für die niemand einen Erfahrungsbericht schreibt.
Der Brief, den niemand lesen soll
1993 setzte sich eine Expertenrunde zusammen, um eine Warnung zu formulieren, die zehntausend Jahre halten muss. Herausgekommen ist das seltsamste Dokument der gesamten Endzeitliteratur, und geschrieben hat es keine Schriftstellerin.
Es gibt einen Text über das Ende der Welt, der nie als Literatur gedacht war. Er trägt die Nummer SAND92-1382, hat 349 Seiten, drei Verfasser und wurde im November 1993 von den Sandia National Laboratories gedruckt. Der Titel klingt nach Behörde: Expertengutachten über Markierungen zur Abschreckung unbeabsichtigten menschlichen Eindringens in die Waste Isolation Pilot Plant. Wer ihn aufschlägt, findet die vielleicht radikalste Denkübung, die eine Regierung je in Auftrag gegeben hat.
Der Anlass war ein Loch im Boden von New Mexico. Rund 42 Kilometer südöstlich von Carlsbad lagert die USA seit dem 26. März 1999 Atommüll aus der Waffenproduktion in einer Salzformation, gut 650 Meter unter der Wüste. Die Umweltbehörde EPA verlangt für solche Endlager einen Nachweis über zehntausend Jahre. Diese Zahl steht in einer Verordnung, sie ist Verwaltungsrecht. Sie ist aber auch eine Zumutung. Zehntausend Jahre zurück gerechnet steht man vor Menschen, die gerade anfangen, Getreide anzubauen. Von der Sprache, die sie sprachen, ist kein Wort erhalten.
Die Runde in Sandia bestand aus Anthropologinnen, Materialforschern, Sprachwissenschaftlern, Astronomen und Architekten. Ihre Aufgabe war nicht, das Lager sicher zu machen. Ihre Aufgabe war, den Nachfahren mitzuteilen, dass sie hier nicht graben sollen, und zwar so, dass die Mitteilung auch dann noch funktioniert, wenn niemand mehr weiß, was Uran ist, wer die USA waren oder wie man Englisch liest.
Der Text
Etwa im 24. Jahrhundert vor Christus begann man in Babylon, Gedichte und Epen aufzuschreiben. Das noch junge Medium Schrift, das bis dahin vor allem bürokratischen Zwecken gedient hatte, wurde so erstmals zum Vermittler unterhaltsamer Geschichten. Zu diesen frühen Gehversuchen der Belletristik gehört das Epos des sumerischen Königs Etana. Neben vielen anderen Taten beschreibt der Text Etanas Versuch, auf einem Adler zur Göttin Ischtar hinaufzureiten. Während dieses Rittes sieht er hinab und überschaut die gesamte Erdenscheibe auf einmal. Als die Erde immer weiter unter ihm zusammenschrumpft, verlässt ihn der Mut, er lässt den Adler los und stürzt in die Tiefe. In einem anderen Bestseller jener Zeit findet dessen Titelheld Gilgamesch Etanas zerschmetterte Überreste. Diese Geschichten sind gut 4.000 Jahre alt und damit so ziemlich das Älteste, was uns an Literatur geblieben ist. Die Warnung von Carlsbad soll mehr als doppelt so lange halten wie die gesamte bisherige Geschichte des Erzählens in Schriftform, und genau an dieser Stelle beginnt das Problem, für das die Sandia-Runde einen Text finden musste.
Dieser Ort ist kein Ort der Ehre. Hier wird keine hochgeschätzte Tat gewürdigt. Nichts von Wert liegt hier.Aus dem Markierungsentwurf, Sandia National Laboratories, 1993
Was die Runde als Botschaft vorschlug, liest sich wie ein Prosagedicht: Dieser Ort ist eine Botschaft, und er ist Teil eines Systems von Botschaften. Beachtet sie. Diese Botschaft zu senden war uns wichtig. Wir hielten uns für eine mächtige Kultur. Dieser Ort ist kein Ort der Ehre. Hier wird keine hochgeschätzte Tat gewürdigt. Nichts von Wert liegt hier. Was hier liegt, war gefährlich und abstoßend für uns.
Man beachte die Zeitform. Die Verfasser schreiben über sich selbst konsequent in der Vergangenheit. Sie gehen davon aus, dass ihre Leserschaft sie als etwas Abgeschlossenes betrachtet, so wie wir die Hethiter betrachten. Es ist ein Text, in dem eine Zivilisation die eigene Grabinschrift entwirft und dabei bemerkt, dass sie nichts Rühmenswertes zu vermelden hat, nur eine Warnung.
Die Bauwerke
Weil Schrift vergeht, sollte die Anlage selbst sprechen. Der Architekt Michael Brill entwarf dafür Landschaften, gezeichnet von Safdar Abidi. Sein Feld der Dornen sieht rund fünfzehn Meter hohe Spitzen vor, die in unregelmäßigen Winkeln aus dem Boden stoßen, ein Gelände, das der Körper vor dem Verstand begreift. Bei den Verbotenen Blöcken stehen hausgroße, schwarz eingefärbte Klötze in einem verzogenen Raster, dazwischen Gassen, die zu eng zum Wohnen sind und nirgendwohin führen. Beide Entwürfe verfolgen dasselbe Ziel. Sie sollen einen Ort erzeugen, den niemand haben will.
Genau da wird es unheimlich. Die Runde wusste, dass Architektur der Abschreckung keine verlässliche Grammatik besitzt. Ägyptische Pyramiden sollten Grabräuber abhalten und zogen sie an. Also empfahl das Gremium unter anderem, ausschließlich Materialien ohne Wiederverwertungswert zu verbauen, damit die Warnung nicht selbst zur Beute wird. Als Vorbild für Redundanz diente Stonehenge: Ein Drittel der Steine fehlt, und trotzdem lässt sich der Grundriss rekonstruieren.
Weiterlesen: die Ausweichmanöver und was die Fiktion daraus macht
Die Ausweichmanöver
Parallel dazu liefen Vorschläge, die den Rahmen des Ingenieurwesens verließen. Der Semiotiker Thomas Sebeok schlug 1984 in einer Studie für das Office of Nuclear Waste Isolation eine Atompriesterschaft vor, einen Zirkel, der das Wissen um die Orte als Ritual und Tabu weitergibt und die Warnung alle paar Generationen in die dann geltende Sprache übersetzt. Der offizielle Bericht ließ die Idee fallen, unter anderem wegen der Frage, was ein solcher Zirkel mit seiner Macht anstellen würde. Im selben Jahr veröffentlichten Françoise Bastide und Paolo Fabbri in der Zeitschrift für Semiotik einen Aufsatz, der die Warnung ins Erbgut verlegte: Katzen, die bei Strahlung ihre Farbe wechseln, begleitet von einem eigens erfundenen Bestand an Sprichwörtern und Liedern, der die Menschen lehrt, beim Farbwechsel zu fliehen. Die Strahlenkatze ist heute ein Internetwitz. Als Vorschlag war sie ernst gemeint, und ihre Logik ist schwer zu widerlegen.
Finnland hat sich für den entgegengesetzten Weg entschieden. Das Endlager Onkalo bei Eurajoki soll nach der Schließung nicht markiert werden. Michael Madsens Dokumentarfilm Into Eternity von 2010 hält fest, wie die Beteiligten zu dem Schluss kommen, das Beste wäre, wenn die Menschheit den Ort schlicht vergisst. Eine Warnung ist auch ein Hinweis. Wer nichts hinterlässt, lockt niemanden an.
Was die Fiktion daraus macht
Die Science-Fiction kennt beide Reflexe. Neal Stephenson baut in Anathem (2008) Klöster, deren Tore sich im Rhythmus von einem, zehn, hundert und tausend Jahren öffnen, eine Institution als Datenträger. Adrian Tchaikovsky lässt in Die Kinder der Zeit (2015) ein automatisches Signal weiterlaufen, lange nachdem die Kultur, die es aufgesetzt hat, verschwunden ist, und die Empfänger verstehen es gründlich falsch.
Es gibt einen Archivbau, bei dem sich die Frage schon gestellt hat. Der Saatgut-Tresor auf Spitzbergen wurde 2008 für die ferne Katastrophe eröffnet. Seine erste Entnahme erfolgte im September 2015, rund 38.000 Proben gingen nach Marokko und in den Libanon, weil in Aleppo Krieg war. Der Tresor hat funktioniert. Nur war die Zukunft, für die er gebaut wurde, schon da.
Quellen
Sandia National Laboratories, Expert Judgment on Markers to Deter Inadvertent Human Intrusion into the Waste Isolation Pilot Plant, SAND92-1382, November 1993. Michael Brill und Safdar Abidi, Landscape of Thorns und Forbidding Blocks, ebenda. Thomas Sebeok, Communication Measures to Bridge Ten Millennia, 1984. Françoise Bastide und Paolo Fabbri, Zeitschrift für Semiotik 6/3, 1984. Posiva, Endlager Onkalo, sowie Michael Madsen, Into Eternity, 2010. Svalbard Global Seed Vault, Entnahme durch ICARDA im September 2015.
Spoiler-Warnung: Diese Rezension verrät den Aufbau des Romans und wie er endet.
Es gibt eine Sorte Weltuntergangsroman, die den Untergang als Ereignis behandelt. Eine Bombe fällt, ein Virus springt über, danach beginnt das eigentliche Buch. Und es gibt Millers Roman, der den Untergang als Klima behandelt, als etwas, das die Menschheit mitbringt wie ihre Blutgruppe.
Der Aufbau ist die eigentliche Leistung. Miller montiert drei Erzählungen zu einem Roman, und zwischen den Teilen liegen jeweils sechs Jahrhunderte. Zuerst sucht ein junger Novize in der Wüste nach Reliquien und findet die Einkaufsliste eines toten Ingenieurs, die sein Orden später als heilige Schrift illuminiert. Im Mittelteil entdeckt ein weltlicher Gelehrter im Klosterarchiv die Grundlagen der Physik wieder und baut eine Bogenlampe, während draußen die ersten neuen Reiche um Land kämpfen. Im dritten Teil hat die Zivilisation Raumfahrt, Sternenkolonien und wieder Atomwaffen, und sie benutzt sie wieder.
Was hier gelingt, gelingt fast beiläufig. Miller schreibt die Klosterszenen mit einem trockenen Humor, der den Stoff davor rettet, feierlich zu werden. Bruder Francis ist kein Heiliger, eher ein etwas begriffsstutziger, rührender junger Mann, der fünfzehn Jahre damit zubringt, ein Schaltbild zu vergolden, dessen Bedeutung niemand mehr kennt. Genau dieses Bild trägt das ganze Buch: Wissen überlebt, aber es überlebt als Kult und Ornament, angebetet statt verstanden. Wer heute über Datenarchive und Langzeitgedächtnis nachdenkt, findet hier die schärfste Bearbeitung des Problems, die das Genre hat. Miller wusste, wovon er schrieb. Er flog im Zweiten Weltkrieg Einsätze gegen das Kloster Monte Cassino.
Nicht alles hält. Der Mittelteil um den Gelehrten Thon Taddeo ist der schwächste, weil hier am meisten diskutiert und am wenigsten erzählt wird. Und der Roman hat ein blindes Auge: Frauen kommen praktisch nicht vor, bis im Schlussteil die zweiköpfige Mrs. Grales auftaucht, und die ist eher Symbol als Person. Das ist mehr als eine Zeitfrage, es verengt die Welt. Streitbar wird auch der Schluss, wenn Abt Zerchi gegen ein staatliches Sterbehilfeprogramm für Strahlenopfer antritt und der Roman sich hörbar auf seine Seite stellt. Wer die katholische Grundierung nicht teilt, liest hier eine Predigt. Ehrlich bleibt Miller trotzdem, denn er lässt seine Überzeugung verlieren, die Bomben fallen ohnehin.
Das Ende ist der Grund, warum man dieses Buch nicht vergisst. Ein Raumschiff mit Mönchen und Kindern startet zu einer Kolonie, die Kirche nimmt ihr Archiv mit ins All, und auf der Erde geht der letzte Priester über einen Strand, an dem tote Fische liegen. Das ist kein Trost und will auch keiner sein. Es bleibt die nüchterne Auskunft, dass der Mensch das Wissen retten und es wieder gegen sich richten wird, und beim nächsten Mal ebenso.
Für Leserinnen und Leser mit Geduld für Ideen. Wer Survival-Spannung sucht, ist bei Metro 2033 besser aufgehoben. Millers Buch beobachtet die Menschheit über zwölf Jahrhunderte und spricht am Ende weder Anklage noch Absolution aus. Das ist unbequemer als jede Ruine.
Spoiler-Warnung: Diese Kritik verrät Handlungsdetails aus Independence Day.
Sommer 1996, der Saal ist bis in die letzte Reihe besetzt, das Licht geht aus, und niemand hier drin weiß, was in den nächsten Minuten passieren wird. Dann wandert ein Schatten über Manhattan, die Menschen auf der Leinwand legen den Kopf in den Nacken, und mit ihnen legt ein ganzer Kinosaal den Kopf in den Nacken. In diesem Moment schiebt sich etwas ins Bild, das größer ist als die Stadt darunter, und im Saal wird es still auf jene Weise, die nichts mit Langeweile zu tun hat.
Wir sprechen hier von einer Zeit, in der ein Film noch Bilder liefern konnte, die es vorher in keinem einzigen Kopf gegeben hatte, weil kein Trailer sie vorweggenommen und kein Franchise sie über Jahre vorbereitet hatte. Man saß in seinem Sessel und sah zum ersten Mal etwas, und diese Erfahrung ist so selten geworden, dass jeder, der sie einmal gemacht hat, sich bis heute an den Abend erinnert.
Emmerich und Dean Devlin haben verstanden, dass Untergang nur trifft, wenn er zuerst leise ist. Der Film beginnt mit Staub, der von Kaffeetassen rieselt. Mit Seismografen, die ausschlagen und die niemand richtig deuten kann. Mit Vögeln, die auffliegen. Die Katastrophe kündigt sich an wie schlechtes Wetter, und genau daraus zieht sie ihre Größe, als sie schließlich losbricht. Für die Wucht dieser Bilder gab es damals keine Vorlage. Der Oscar für die visuellen Effekte ging an vier Menschen, einer davon ist der Deutsche Volker Engel.
Stark ist der Film in dem, was zwischen den Explosionen passiert. Menschen sitzen in Wüstenlagern und telefonieren ein letztes Mal. Sie versöhnen sich, sie verabschieden sich, sie sehen einander an, weil es vielleicht das letzte Mal ist. Emmerich war sich nie zu fein für große Gefühle, und er hat sie nie ironisch gebrochen. Er hat sie einfach gezeigt.
Man muss dem Film Dinge nachsehen. Die Präsidentenrede ist Zuckerguss, der Laptop, der ein außerirdisches Mutterschiff infiziert, ist als Einfall bemerkenswert albern, und die Figuren sind eher Typen als Menschen. Es hat damals niemanden gestört, und rückblickend versteht man das gut. Über 800 Millionen Dollar an den Kinokassen waren die Antwort eines Publikums, das genau danach gesucht hatte.
Und deshalb steht er in diesem Heft. Diese Art Kino ist verschwunden. Was heute unter Weltuntergang läuft, ist meistens ein weiterer Teil, ein Reboot oder eine Serie, die drei Staffeln braucht für das, was Emmerich nach zwanzig Minuten hatte. Das Aufgewärmte hat das Wagnis ersetzt. Es fehlt an epischer Untergangszeit mit eigenen Ideen, an Bildern, die noch niemand gesehen hat, und an dem Mut, ohne Sicherheitsabstand groß zu erzählen.
Ein Film, der sich nicht dafür entschuldigt hat, groß zu sein. Er hat einer Generation gezeigt, wozu eine Leinwand taugt. Wir hätten gern wieder einen.
Das Diptychon
Ein Diptychon ist ein zweiteiliges Bildwerk aus zwei Tafeln. Hier: eine reale Messung neben einer erfundenen Welt.
Die Messung: Ende 2024 entdeckt, kurz darauf mit rund drei Prozent Einschlagswahrscheinlichkeit gehandelt: Der Asteroid 2024 YR4 zielte erst auf die Erde, dann auf den Mond. Am 5. März 2026 gab die NASA Entwarnung, er zieht in gut 21.000 Kilometern am Mond vorbei.
Die Erfindung: In Neal Stephensons Seveneves zerbricht der Mond ohne Vorwarnung, und niemand erfährt je warum. Der Roman verhandelt keine Rettung, er verhandelt eine Frist. Wie in der echten Planetenverteidigung hängt alles an einer einzigen Größe: der Vorwarnzeit.
Die Übergabe · A. T. Wolter
Dreißig Tage ganz oben: ein kurzer Blick zurück
Bevor der Platz weitergeht, haben wir der Gewinnerin des ersten Buchs des Monats zwei Fragen gestellt. A. T. Wolter stand mit „Raumkreuzer HORUS - Das Androiden Grab" dreißig Tage oben auf der Startseite.
Deutschsprachige Science-Fiction hat es neben den Übersetzungen aus dem Englischen schwer. Woran liegt das aus deiner Sicht, und was würde dem Genre hier am meisten helfen?
„Im angloamerikanischen Raum ist Science-Fiction viel weiter verbreitet und beliebter, dort gibt es eine breite Leserschaft. In Deutschland hingegen war es bisher eher ein Nischengenre, das meist für eine rein männliche Zielgruppe geschrieben wurde. Ich glaube aber, dass die Science-Fiction auch bei uns langsam aus dieser Nische herauskommt und sich einem diverseren Publikum öffnet. Das Genre spricht mittlerweile nicht mehr nur Männer an, sondern begeistert mehr und mehr auch eine weibliche und diverse Leserschaft."
Jetzt ganz ehrlich, gern unbequem: Hat dir der Monat ganz oben auf buchknall.com etwas gebracht, spürbar oder sogar messbar? Und was müssten wir anders machen, damit so ein Platz für Autorinnen und Autoren wirklich zählt?
„Ja, die Sichtbarkeit meines Buches hat sich auf alle Fälle verbessert. Das habe ich direkt an den Zahlen ablesen können. Mein Buch wurde öfter im ‚Kindle Unlimited'-Bereich gelesen, was ich sehr spannend finde. Für die Zukunft wäre es vielleicht gut, wenn man bei der Vorstellung eines Buches direkt eine Leseprobe hinterlegen könnte."
Die Leseprobe nehmen wir mit auf die Liste. Danke, A. T. Wolter.
Buch des Monats
Der Mond von Yazahaan: Problem 73
Johanna Brenne · Dystopie · Realm & Rune Verlag · im Lexikon
Ein junger Wissenschaftler in einer dystopischen Gesellschaft muss entscheiden, was schwerer wiegt: seine Ideale oder der Traum, dem er seit Kindertagen nachjagt. Die Welt des Romans ähnelt unserer und weicht doch geografisch wie geschichtlich von ihr ab. Gezogen aus einer fairen Lostrommel, gleiche Chance für alle, hier entscheidet das Los und nicht die Reichweite. Dreißig Tage Spotlight und ein dauerhafter Platz in der ewigen Rangliste.
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Leitthese
Der Weltuntergang ist die ehrlichste Gesellschaftskritik, die das Genre hat.
Wer wissen will, wovor eine Epoche sich fürchtet, sieht nach, wie sie in ihren Romanen untergeht.
Begriff der Ausgabe
Sterbende Erde
Nicht jedes Ende ist ein Knall. Die Sterbende Erde spielt in ferner Zukunft, wenn die Sonne erlischt und der Planet seine Ressourcen längst verbraucht hat. Den Namen prägte Jack Vance 1950. Der Unterschied zur Postapokalypse liegt im Zeitmaßstab: Dort gibt es ein Davor, ein Danach und einen scharfen Schnitt dazwischen. Hier gibt es nur Entropie, und Technologie ist so alt geworden, dass sie wie Magie wirkt.
// Sterbende Erde im LexikonSubgenre-Spotlight
Postapokalypse
Sie überspringt die Panik, das Versagen der Behörden und die letzten Nachrichtensendungen. Sie beginnt in der Stille danach, mit einer einzigen Frage: Baut der Mensch dasselbe wieder auf?
Apokalypse-Roman im LexikonGroßserien-Spotlight
Warhammer 40.000
Der Untergang als Dauerzustand · rund 500 Romane im Lexikon geführt
Die meisten Weltuntergangsgeschichten haben ein Nachher. Warhammer 40.000 hat keines. Das Universum ist so gebaut, dass der Zusammenbruch bereits geschehen ist und trotzdem weiterläuft, seit zehntausend Jahren. Die Menschheit hält ein Sternenreich von einer Million Welten, aber sie versteht ihre eigene Technik nicht mehr. Maschinen werden mit Weihrauch und Gebeten instand gehalten, weil das Wissen dahinter verloren ist. Wer aus dem Lobgesang auf Leibowitz kommt, erkennt das Motiv sofort, nur hat Games Workshop es zur Dauereinrichtung gemacht.
Das Besondere an diesem Setting ist die Weigerung, den Untergang als Katastrophe zu inszenieren. Er ist Verwaltung. Es gibt Formulare, Ämter, Steuern und einen Gottkaiser, der seit zehn Jahrtausenden auf einem Lebenserhaltungsthron liegt. Die Zivilisation ist nicht gefallen, sie ist konserviert im Moment ihres Falls. Genau daraus zieht das Universum seine Wucht, und genau deshalb hat es das Genre-Wort Grimdark überhaupt erst geprägt.
Der Reiz liegt darin, dass diese Übertreibung erstaunlich präzise Fragen stellt. Was passiert mit einer Gesellschaft, die Erinnerung durch Ritual ersetzt. Wie viel Grausamkeit erklärt sich eine Kultur als notwendig, wenn sie sich dauerhaft belagert fühlt. Die besseren Romane der Reihe nehmen das ernst, statt nur Schlachten zu beschreiben.
Für Neulinge ist Aufstieg des Horus der ideale Anfang. Man sieht die Menschheit auf ihrem Höhepunkt, siegreich und beinahe sympathisch, und weiß als Leser bereits, dass genau daraus die Hölle wird. Dan Abnett schreibt zugänglich und setzt kein Vorwissen über das Tabletop-Spiel voraus.
Zur Serienseite →Die Kurzgeschichte · Erstabdruck
Diese Seite gehört noch niemandem
Für diese Rubrik ist ein fester Platz im Heft reserviert, und er ist in dieser Ausgabe leer. Das ist keine Panne, das ist eine Entscheidung. Wir könnten die Seite jederzeit selbst vollschreiben, aber dann wäre sie genau das, was sie nicht sein soll, nämlich eine weitere Seite Redaktion in einem Heft, das ohnehin schon genug davon hat.
Der Platz ist für eine Autorin oder einen Autor gedacht, die eine Science-Fiction-Kurzgeschichte geschrieben haben und sie zum ersten Mal gedruckt sehen wollen, mit dem eigenen Namen darüber. Es gibt keine Vorauswahl nach Bekanntheit, keine Warteliste und keine Gebühr. Es gibt eine Prüfung, und die fragt nur, ob es Science-Fiction ist, ob es von der Person stammt, die es einreicht, und ob es keine KI-Massenware ist.
Wer schon einmal versucht hat, eine Kurzgeschichte irgendwo unterzubringen, kennt den üblichen Weg: eine Ausschreibung mit Thema, eine Frist, ein Formular und danach Monate Stille. Wir machen das anders, weil wir es können. Eine Mail genügt, die Antwort kommt von einem Menschen, und wenn die Geschichte passt, steht sie im nächsten Heft.
Bis dahin bleibt hier Platz. Ein Heft über das Ende der Welt verträgt eine leere Seite ganz gut, sie sieht nur so aus, als wäre etwas verloren gegangen. Tatsächlich wartet sie.
Witz der Woche
„Es hat keinen Sinn, jetzt überrascht zu tun. Sämtliche Pläne und Abrissverfügungen haben fünfzig eurer Erdenjahre lang in eurem zuständigen Planungsamt auf Alpha Centauri ausgelegen, ihr hattet also reichlich Zeit, förmlich Beschwerde einzulegen.“
— Prostetnik Vogon Jeltz kündigt der Menschheit die Sprengung der Erde an. Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis, 1979, Kapitel 3 (Übersetzung: BuchKnall)
Apropos: Wem eine Meldung pro Heft nicht reicht, der findet in unserem Ressort Nachrichten aus dem Paralleluniversum laufend Berichte wie den über SpaceX-Pläne, den Himmel zur Klimarettung zu verdunkeln. Alles gründlich recherchiert, nur eben in einem anderen Universum.
Mitmachen
Wie geht deine Welt unter?
Aus der Genesis-Ausgabe liegt uns das Ergebnis der Abstimmung zur KI-Kennzeichnung vor: 17 Stimmen, 15 dafür, zwei dagegen. Ein klares Votum für die Kennzeichnung. Diesmal zählen wir wieder mit, in Ausgabe 03 steht hier die Verteilung.
Der Kurd-Laßwitz-Preis ging an Nils Westerboer für Lyneham. Verliehen wurde er auf der MetropolCon im silent green Kulturquartier, die in diesem Jahr zugleich Eurocon war, also Jahreskongress der europäischen Szene. Beste Erzählung: Yvonne Tunnat für Nano Godt. Beste Übersetzung: Karen Nölle für Le Guins Der Tag vor der Revolution. Als Ehrengäste kamen unter anderem Aiki Mira und Becky Chambers.
Kurd-Laßwitz-Preis · MetropolConBei den Nebula Awards gewann Stephen Graham Jones den Romanpreis für The Buffalo Hunter Hunter. N. K. Jemisin wurde als 42. Damon Knight Grand Master ausgezeichnet. Erstmals vergeben wurden Preise für Gedicht und Comic, eine Erweiterung, die zeigt, wie weit sich das Feld über den Roman hinaus ausgedehnt hat.
SFWA · 61. Nebula AwardsDie Hugos sind noch offen. Unter den sechs nominierten Romanen stehen Adrian Tchaikovskys Shroud und Emily Teshs The Incandescent, das auch bei den Nebulas antrat. Entschieden wird auf der LAcon V, also nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe.
LAcon V · 84. WorldconBuchKnall wurde ins Awin-Partnerprogramm von Thalia aufgenommen. Bücher lassen sich hier demnächst auch über Thalia beziehen, nicht mehr nur über Amazon. Für die Buchseiten heißt das vor allem: eine zweite Bezugsquelle, gerade bei Titeln, die bei einem Händler gerade nicht lieferbar sind.
Awin · ThaliaJede Kultur schreibt ihren Untergang so, wie sie ihre Gegenwart fürchtet.
Bunker, 40 qm, Südlage unerheblich. Vollausgestattet, Luftfilter neu, Vorräte für zwei Jahrzehnte. Nur an Selbstabholer, Aufzug außer Betrieb. Besichtigung nach Einbruch der Dunkelheit. Chiffre 2031.
So alt ist die Science-Fiction. In diesem Jahr erschien Keplers Somnium, die erste wissenschaftlich untermauerte Mondreise auf dem Papier.
Die Mutter hört auf
Fünfzig Ausgaben, einundfünfzig Jahre und eine Pause von dreiundzwanzig Jahren mittendrin. Das älteste deutsche Science-Fiction-Magazin hat sein letztes Heft gedruckt.
In ein Heft über das Ende der Welt gehört auch ein Ende, das wirklich stattgefunden hat. Am 28. Juni 2026 hat die Redaktion des EXODUS ihren Abschied veröffentlicht. Nach fünfzig Ausgaben ist Schluss. Der Schlusspunkt ist eine goldene Doppelnummer, 50.1 und 50.2, die im Juli an die Abonnenten ging.
Angefangen hatte es 1975 mit einer Nullnummer, geplant als einmalige Sache. Daraus wurden bis 1980 dreizehn Hefte. Dann lag das Magazin dreiundzwanzig Jahre still. 2003 nahm René Moreau es mit Ausgabe 14 wieder auf, und seither erschien es ohne Unterbrechung, ein- bis zweimal im Jahr, im Farbdruck.
Bemerkenswert war die Selbstbeschränkung. EXODUS druckte fast ausschließlich Erstveröffentlichungen. Wer dort erschien, erschien dort zuerst. Dazu kam die phantastische Grafik mit einer Galerie in der Heftmitte, die jeweils einem einzigen Künstler gehörte. 2015 bekam das Herausgeberteam in Dresden den Kurd-Laßwitz-Preis, den Sonderpreis für langjährige herausragende Leistungen, ausdrücklich für die Förderung der SF-Kurzgeschichte.
Damit verschwindet eine der wenigen Möglichkeiten, deutschsprachige Kurzgeschichten in Magazinform zu veröffentlichen.Markus Mäurer, TOR Online, 29. Juni 2026
Was jetzt über das Heft geschrieben wird, sagt mehr als jede Statistik. Bei TOR Online würdigt Markus Mäurer, dass EXODUS neben den Kurzgeschichten auch der phantastischen Grafik eine Bühne gab, im Hochglanzdruck; die Galerie der Abschiedsausgabe kam ausdrücklich ohne KI aus. Franz Hardt, Vorsitzender des Komitees des Deutschen Science Fiction Preises, nennt EXODUS eine jahrelange Konstante und ein Pflichtheft. Der Zeichner Olaf Brill schreibt schlicht, die Szene werde es vermissen. Auf der Abschiedsseite sammeln sich seit Wochen solche Nachrichten, von Grafikern, Autoren und Lesern, die seit Ausgabe 14 dabei waren.
Wir gehören zu den Nachkommen dieses Magazins, und wir sind reichlich jung dafür. Ein Lexikon ist kein Magazin und ersetzt auch keines. Übernehmen lässt sich aber die Haltung dahinter: dass jemand die Arbeit macht, Texte zu prüfen, auszuwählen und ordentlich zu präsentieren, obwohl damit kein Geld zu verdienen ist. Fünfzig Ausgaben lang hat das jemand getan. Wer selbst ein paar Worte hinterlassen möchte, kann das noch tun, die Redaktion sammelt sie unter exodusmagazin.de. Und wer eine Kurzgeschichte hat, die nun keinen Ort mehr weiß: Der Erstabdruck-Platz in diesem Heft steht offen.
Noch zu haben
Die Abschiedsausgabe ist am 23. Juni erschienen, zwei Hefte mit zusammen 238 Seiten. Einzeln kosten sie je 16,90 Euro, als PDF je 9,90 Euro. Ältere Ausgaben sind ebenfalls weiter lieferbar.
Bestellung über exodusmagazin.de, die PDF-Fassungen per Mail an den Shop. Wir verdienen daran nichts, das ist kein Partnerlink.
Der Untergang, schneller auffindbar
Der Orakelgraph fragt nach Stimmung statt nach Genre. Warum das nötig wurde, warum große Kataloge daran scheitern und warum wir Zehntausende Titel wieder hinausgeworfen haben.
Wer heute ein Endzeitbuch sucht, hat ein seltsames Problem: Es gibt zu viele. Die Suchmaske eines Händlers kennt das Wort Postapokalypse und liefert danach ein paar tausend Treffer, sortiert nach Verkaufsrang. Was dabei verloren geht, ist genau die Unterscheidung, auf die es beim Lesen ankommt. Soll die Welt langsam erkalten oder in achtundvierzig Stunden untergehen? Steht ein einzelner Mensch im Zentrum oder ein Kontinent? Endet das Buch tröstlich oder eiskalt? Diese Unterschiede sind zu fein für ein Etikett und zu wichtig, um sie wegzulassen.
Der Orakelgraph setzt deshalb woanders an. Er fragt in drei Schritten nach Zeitraum, Stimmung und Erwartung und arbeitet sich von dort zu einem Titel vor. Das klingt nach einer Spielerei, ist aber der ehrlichere Weg: Kaum jemand sucht sein nächstes Buch über eine Genrebezeichnung. Gesucht wird ein Gefühl, und das Etikett kommt erst hinterher.
Dass große Plattformen das nicht ebenso lösen, liegt weniger am Willen als an ihrer Größe. Wer Millionen Titel führt, kann feine Abgrenzungen schlicht nicht pflegen. Jede Zuordnung kostet entweder Handarbeit oder ein System, das für jeden einzelnen Titel entscheidet, und beides skaliert nicht auf einen Weltkatalog. Also bleibt es beim groben Regal, in dem Cli-Fi, Zombieroman und stille Sterbende-Erde-Erzählung nebeneinanderstehen, als wären sie dasselbe.
Unser Weg dorthin führte über eine unbequeme Entscheidung. Wir hatten Zugriff auf einen Händler-Feed mit Zehntausenden Titeln. Übrig geblieben sind daraus wenige tausend, dazu kommen die Bücher aus der eigenen Redaktion. Der Orakelgraph kennt also einen Bruchteil dessen, was er kennen könnte, und das ist der Punkt.
Aussortiert wurde nach Eignung, der Geschmack blieb außen vor. Weil es sich um einen Empfehlungsmechanismus handelt, sind Werke herausgefallen, die sich schlecht empfehlen lassen: dezidierte Erotik-Science-Fiction, Titel im Graubereich zwischen Sachbuch und Roman, einzelne Kurzgeschichten. Dazu kam die übliche KI-Massenware und alles, was mit Science-Fiction nur das Cover gemeinsam hat. Ein System, das alles kennt, empfiehlt am Ende irgendwas. Der Orakelgraph kennt weniger Bücher, dafür ist jedes davon geprüft.
Der zweite Teil ist der eigentliche Kern: Der Graph lernt weiter. Er zieht aus den Verbindungen zwischen Stimmung und Buch Rückschlüsse darauf, welche Zuordnungen tragen und welche danebenliegen, und schärft sich damit über die Zeit. Ein starres Regelwerk wäre an dieser Aufgabe gescheitert, weil sich die feinen Grenzen des Genres nicht ein für alle Mal festschreiben lassen.
Er liegt weiterhin daneben, das gehört dazu. Manche Stimmung ist zu eng gefasst, manche Empfehlung zu naheliegend. Wir halten das für den besseren Zustand, verglichen mit einer Trefferliste, die niemand ernsthaft von oben nach unten liest. Wer es ausprobieren will, findet ihn unter buchknall.com/orakelgraph, passend zu diesem Heft am besten mit einer düsteren Stimmung im ersten Schritt.
Der August liefert die passende Kulisse zum Heftthema gleich mit. Am 12. steht ein Neumond, der zwei Ereignisse zusammenbringt: Er schiebt sich vor die Sonne und lässt zugleich den dunkelsten Himmel des Sommers für die Perseiden zurück.
Ehrliche Auskunft: Der Außenposten ist noch ein kleiner Ort, und das ist in Ordnung so. Das Lexikon wächst schneller als jede Community wachsen kann, ein Gespräch entsteht eben erst, wenn jemand anfängt. Deshalb legen wir diesmal drei Streitfragen auf den Tisch. Such dir eine aus und widersprich uns.
Sollten wir an Apophis die Ablenkung proben?
Am 13. April 2029 zieht der Asteroid Apophis unterhalb der geostationären Satelliten an der Erde vorbei, mit bloßem Auge sichtbar. Die einen nennen das die Generalprobe des Jahrhunderts. Die anderen sagen: Wer an einem harmlosen Brocken übt und danebengreift, hat hinterher vielleicht einen unharmlosen. Mitreden im Forum →
Wäre eine schleichende Übernahme überhaupt zu erkennen?
Die Übernahme aus dem Kino kommt mit Maschinenarmeen. Eine Superintelligenz hätte das kaum nötig: Sie müsste nur nützlich sein, bis niemand mehr ohne sie entscheidet. Woran würden wir den Unterschied zwischen guter Dienstleistung und stiller AGI-Herrschaft festmachen? Mitreden im Forum →
Warum glauben wir so gern an die Unterwanderung?
Seit Roswell 1947 hält sich die Idee, dass sie längst unter uns sind, ohne einen einzigen belastbaren Beleg. Vielleicht sagt die Langlebigkeit dieser Erzählung mehr über uns aus als über Area 51. Was macht die Unterwanderungs-Idee so unkaputtbar? Mitreden im Forum →
Aussicht
Das nächste Heft
Nach dem Ende kommt die Frage, ob jemand zuhört. Ausgabe 03 dreht sich um die Botschaft: das Signal, das wir hinausgeschickt haben, die Antwort, auf die wir warten, und was ein Erstkontakt mit uns machen würde. 1974 richtete Arecibo eine Nachricht auf den Kugelsternhaufen M13. Sie ist noch unterwegs.
Du entscheidest mit, was in Ausgabe 03 kommt. Sag es uns im Forum →
Bisher haben uns 115 Einreichungen über das Formular erreicht, 105 davon sind aufgenommen, die Marke von hundert ist damit geknackt. Die Kuratierung dahinter ist messbar: Zehn KI-Bücher haben wir bislang aktiv abgelehnt, ein Teil davon erreichte uns außerhalb des Formulars und taucht in der Zählung oben deshalb nicht auf. Über fünfzig bereits gelistete KI-Werke haben wir nachträglich wieder aus dem Lexikon entfernt und eine Blockliste mit über neunzig einschlägigen Autorennamen aufgebaut. Dazu kommt der Buchfeed des deutschen Marktes, aus dem hunderte KI- und Massenware-Titel flogen, bevor sie je eine Seite bekamen. Daneben haben wir einige Änderungswünsche der Autorinnen und Autoren eingepflegt.
Wir behandeln solche Ablehnungen ohne Aufhebens und ohne Drama, eine höfliche Mail genügt. Die Linie dahinter ist trotzdem hart, und sie bleibt so: Menschliche Kunst bleibt menschlich. KI hat ihren Platz bei uns im Maschinenraum, sie hilft bei Marketing und Organisation. Sobald sie das Werk selbst berührt, ist Schluss, beim Cover genauso wie beim Text.
Was fehlt BuchKnall? Welche Sektionen sollten wir öffnen? Wo passt etwas nicht, wo darf es mehr oder weniger sein? Wir wollen es wirklich wissen.
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Die ersten Namen an dieser Stelle
AstroSam · BLeischuetter · Seriosha
Drei Menschen, die dieses Heft unterstützt haben, bevor irgendjemand wusste, ob es sich trägt. Das vergessen wir nicht.
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Dank
Der ausdrückliche Dank dieser Ausgabe geht an PhantaNews, wo BuchKnall besprochen wurde, wohlwollend und mit Kritik an genau der richtigen Stelle. Und die hat gewirkt: Wie gewünscht gibt es die Bücher im Lexikon jetzt auch über Thalia, also über den klassischen Buchhandel. Weitere Rezensionen und kritische Blicke sind jederzeit willkommen, sie machen BuchKnall besser.








