Konzept

Retro-Futurismus

Ästhetische Strömung, die vergangene Zukunftsvisionen zelebriert: wie sich die 1950er das Jahr 2000 vorstellten.

Retro-Futurismus feiert die Zukunftsvisionen vergangener Epochen: fliegende Autos aus den 1950ern, Art-Deco-Raumstationen aus den 1930ern, viktorianische Dampf-Computer. Es ist die Nostalgie für eine Zukunft, die nie eingetreten ist.

Die Ästhetik speist sich aus verschiedenen Quellen. Die Weltausstellungen des frühen 20. Jahrhunderts zeigten Zukunftsvisionen mit stromlinienförmigen Zügen und gläsernen Städten. Pulp-Magazine wie 'Amazing Stories' illustrierten Raketenraumschiffe mit Flossen und Nietenbeschlägen. Die Googie-Architektur der 1950er mit ihren Parabeln und Sternmustern war gebauter Retro-Futurismus.

In der Science-Fiction manifestiert sich Retro-Futurismus als Subgenres. Steampunk (viktorianische Ära + Dampftechnologie) ist der bekannteste Ableger, mit Werken wie William Gibsons und Bruce Sterlings 'The Difference Engine'. Dieselpunk kombiniert die Ästhetik der 1920er-40er mit alternativer Technologie ('Sky Captain and the World of Tomorrow'). Atompunk feiert die optimistische Atomzukunft der 1950er ('Fallout'-Spielreihe).

Die Fallout-Spiele sind das prominenteste Beispiel in der Gaming-Welt: Eine post-apokalyptische Welt, in der die Kultur der 1950er nie endete, mit Röhrencomputern, Atomautos und Swing-Musik zwischen den Ruinen.

Retro-Futurismus funktioniert auf zwei Ebenen. Oberflächlich ist es nostalgische Ästhetik. Tiefer betrachtet stellt es die Frage, warum bestimmte Zukunftsvisionen nicht eingetreten sind. Die fliegenden Autos der 1950er kamen nie, dafür kam das Internet, das niemand vorhergesagt hatte. Retro-Futurismus erinnert daran, dass die Zukunft nie so kommt, wie wir sie uns vorstellen.

Die Faszination für alte Zukunftsvisionen hat in den letzten Jahren stark zugenommen, was mit digitalen Archiven zusammenhängt, die historische Illustrationen zugänglich machen. Populäre Instagram-Konten und Tumblr-Blogs sammeln Bilder aus Science-Fiction-Magazinen der 1950er bis 1970er, aus Weltausstellungen und Werbebroschüren für Produkte, die nie gebaut wurden. Diese Bilder wirken nostalgisch, aber auch befremdend: Sie zeigen eine Hoffnung, die nicht eingetreten ist, und eine Selbstsicherheit, die rückblickend naiv wirkt.

Künstlerisch ist Retro-Futurismus deshalb so produktiv, weil er mit Zeitkollisionen arbeitet. Wenn man eine Rakete mit Chromflossen zeigt, die von einem Astronauten in Rüstung gesteuert wird, spricht man gleichzeitig 1955 und 2025 an. Man benutzt ein altes Bild der Zukunft, um über die Gegenwart nachzudenken. Das erlaubt eine Kritik an der Gegenwart, die direkter Gesellschaftskritik manchmal voraus ist: Was haben wir geglaubt, was haben wir bekommen, und was sagt die Differenz über uns aus?

Das Spiel-Franchise Fallout ist dafür das eindrücklichste Beispiel. Die Welt der Fallout-Spiele ist nicht einfach post-apokalyptisch, sie ist explizit post-apokalyptisch auf eine retro-futuristische Weise. Der Atomkrieg traf eine Gesellschaft, die nie aus den 1950ern herausgekommen war, mit Atombetriebenen Autos, Rüstungsrobotern im Art-Deco-Stil und Propaganda aus der Hochphase des Kalten Krieges. Diese Konstruktion erlaubt es, die Zukunftsangst und den Optimismus der 1950er gleichzeitig zu kommentieren.

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Retro-Futurismus. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/retro-futurismus/ (abgerufen am 01.07.2026).

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