Venus-Kolonisierung
Nicht auf der Oberfläche, sondern in der Atmosphäre: Schwebende Habitate in 50 km Höhe, wo Druck und Temperatur fast erdähnlich sind.
Die Venus-Kolonisierung konzentriert sich nicht auf die lebensfeindliche Oberfläche (462 °C, 90 atm Druck, Schwefelsäurewolken), sondern auf die obere Atmosphäre in rund 50 km Höhe. Dort herrschen überraschend günstige Bedingungen: Der Druck entspricht etwa 1 atm (Meeresniveau auf der Erde), die Temperatur liegt bei angenehmen 0–50 °C, und die Schwerkraft beträgt 0,9g.
NASAs HAVOC-Studie (High Altitude Venus Operational Concept) entwarf ein gestaffeltes Programm: Zuerst robotische Ballonsonden, dann bemannte Kurzzeitmissionen in einem 130 m langen Helium-Luftschiff, schließlich permanente schwebende Siedlungen. Ein mit Atemluft (21 % O₂, 79 % N₂) gefüllter Ballon wäre in der dichten CO₂-Atmosphäre der Venus ein Auftriebskörper, die Siedlung schwebt also allein durch ihren Atemluftinhalt.
Die Vorteile gegenüber dem Mars: Nahezu erdgleiche Schwerkraft (keine Knochen- und Muskelprobleme), ausreichend Sonnenlicht für Solarenergie (40 % mehr als auf der Erde), dichte Atmosphäre als Strahlenschild und keine Kommunikationsverzögerung von 24 Minuten wie beim Mars.
Die Nachteile: Kein fester Boden, keine lokalen Rohstoffe (außer atmosphärischem CO₂ und Schwefelsäure), korrosive Umgebung (Schwefelsäurewolken unterhalb der Habitate) und die immense Hitze der Oberfläche schließt Bergbau praktisch aus. HAVOC bleibt bisher eine Konzeptstudie.
Gerade die Idee, ausgerechnet die Venus zu besiedeln, wirkt auf den ersten Blick absurd und erweist sich bei näherem Hinsehen als überraschend bestechend. Während alle Aufmerksamkeit dem Mars gilt, bietet die obere Venusatmosphäre den erdähnlichsten Ort im gesamten Sonnensystem außerhalb der Erde selbst, mit nahezu gleichem Druck, angenehmen Temperaturen und fast voller Schwerkraft. Gerade die nahezu erdgleiche Schwerkraft ist ein gewichtiger Vorteil gegenüber dem Mars, denn sie würde die schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen langer Schwerelosigkeit vermeiden, die auf dem leichten Mars womöglich nur abgemildert aufträten. Der entscheidende Kniff ist, dass mit Atemluft gefüllte Hüllen in der dichten Kohlendioxidatmosphäre der Venus von selbst schweben, sodass Atemluft zugleich als Auftriebsgas dient. Die Kehrseite ist gravierend: Es gibt keinen festen Boden, keine erreichbaren Rohstoffe und eine korrosive Schwefelsäureumgebung knapp unterhalb der Wohnzone. Eine Venuskolonie wäre damit ein ewig schwebendes Gebilde ohne Land, ein Bild, das die Science-Fiction von schwimmenden Wolkenstädten seit jeher fasziniert und das die HAVOC-Studie mit erstaunlich konkreter Physik untermauert.
Aus dem Forum
Diskutiere diesen Begriff mit Lesern und Autoren im BuchKnall-Forum.
Im Forum diskutierenDiesen Eintrag zitieren
Venus-Kolonisierung. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/venus-kolonisierung/ (abgerufen am 01.07.2026).
Verwandte Begriffe