Kann man CO2 wieder aus der Atmosphäre holen?
Ja, und es geschieht bereits im Gigatonnenmaßstab, allerdings fast ausschließlich biologisch. Der Bericht State of Carbon Dioxide Removal beziffert die weltweite Entnahme 2026 auf rund 2,2 Gigatonnen CO2 pro Jahr, etwa fünf Prozent der jährlichen Emissionen. Davon entfallen 99,9 Prozent auf Aufforstung, Waldbewirtschaftung und Bodenkohlenstoff.
Die neuen technischen und geochemischen Verfahren liegen zusammen bei etwa 2 Millionen Tonnen jährlich, also 0,05 Prozent, wachsen aber um rund 40 Prozent pro Jahr. Klimapfade zur Netto-Null verlangen bis 2050 rund 8,8 Gigatonnen jährlich; gegenüber den heutigen staatlichen Zusagen bleibt dort eine Lücke von etwa 5,2 Gigatonnen. Entnahme bleibt damit eine Ergänzung für unvermeidbare Restemissionen und kein Ersatz für Minderung.
Warum Netto-Null ohne Entnahme nicht aufgeht
Netto-Null bedeutet, dass verbleibende Emissionen durch gleich große Entnahmen ausgeglichen werden. Übrig bleiben Quellen ohne verfügbaren Ersatzprozess, vor allem die Prozessemissionen der Zementherstellung, Lachgas und Methan aus der Landwirtschaft sowie Teile der Luft- und Schifffahrt. In den meisten Szenarien liegt dieser Rest bei fünf bis zehn Prozent der heutigen Emissionen, was bereits mehrere Gigatonnen ergibt.
Hinzu kommt eine zweite Aufgabe. Wenn die Erwärmung ihr Ziel überschreitet und später wieder sinken soll, muss die Entnahme die Emissionen übertreffen. Bei 1,44 Grad im Jahr 2025 und einem verbleibenden Budget für 1,5 Grad von etwa 170 Gigatonnen, also rund vier Jahren aktueller Emissionen, wird diese Rückholaufgabe wahrscheinlicher.
Sie ist rechnerisch möglich und praktisch bisher unbelegt, weil die dafür nötigen Mengen um drei Größenordnungen über dem heutigen Stand der neuen Verfahren liegen.
Drei Verfahrensfamilien und ihre Speicherdauer
Die Verfahren unterscheiden sich weniger in der Abscheidung als in der Frage, wo der Kohlenstoff landet und wie lange er dort bleibt. Biologische Speicher sind billig und verletzlich, geologische sind teuer und stabil, geochemische liegen dazwischen und sind am schwersten zu messen.
- Biologisch: Wald, Boden, Pflanzenkohle Trägt heute praktisch die gesamte reale Entnahme. Pflanzenkohle stellt 86 Prozent aller gelieferten dauerhaften Gutschriften seit 2022, bis Mitte 2025 rund 683.000 Tonnen. Kosten bei Forstprojekten 5 bis 53 Dollar je Tonne. Risiko sind Brand, Dürre und Nutzungsänderung, bei Pflanzenkohle die angenommene Speicherdauer von über hundert Jahren.
- Technisch: BECCS und DACCS Biomassekraftwerk oder Luftfilter mit anschließender geologischer Speicherung. Stockholm Exergi entschied Anfang 2026 über den Bau einer BECCS-Anlage für 800.000 Tonnen jährlich ab 2028. Die Direktabscheidung Stratos in Texas ist auf 500.000 Tonnen ausgelegt, kostete 1,3 Milliarden Dollar und verzögerte sich 2026 in der Inbetriebnahme. Weltweit sind laut IEA rund 84 kleine Anlagen mit zusammen etwa 569.000 Tonnen Kapazität im Betrieb.
- Geochemisch: beschleunigte Verwitterung Feingemahlenes Silikatgestein auf Ackerflächen bindet CO2 als Bikarbonat. Die ersten Gutschriften wurden 2025 verifiziert. Eine dreijährige Feldstudie in Environmental Science and Technology fand zwar ein belastbares Verwitterungssignal, jedoch deutlich geringere CO2-Entnahme als modelliert, was die Messfrage zum Kernproblem dieser Familie macht.
Das Größenordnungsproblem
Zwischen Ankündigung und Auslieferung klafft eine Lücke. 2025 wurden rund 30,4 Millionen Tonnen dauerhafter Entnahme unter Vertrag genommen, geliefert wurde bis dahin etwa eine Million Tonnen. Rechnet man Microsoft und den Käuferverbund Frontier heraus, liegt die Lieferquote bei etwa 13 Prozent.
Um die für 2050 veranschlagten 8,8 Gigatonnen zu erreichen, müssten die neuen Verfahren über Jahrzehnte so schnell wachsen wie Photovoltaik in ihrer steilsten Phase, und zwar bei Anlagen, die Energie verbrauchen statt sie zu liefern.
Der regulatorische Rahmen holt langsam auf. Die EU legte im Februar 2026 einen delegierten Rechtsakt für die Zertifizierung dauerhafter Entnahmen vor und im Juli 2026 die Methodiken für Landwirtschaft, Moorwiedervernässung und Aufforstung.
Deutschland novellierte das Kohlendioxid-Speicherungs- und Transportgesetz, das seit dem 28. November 2025 gilt und Abscheidung sowie Speicherung über Forschungszwecke hinaus erlaubt. Der Aufbau von Transport und Speicher wird nach Einschätzung der Bundesregierung sieben bis zehn Jahre brauchen.
Geld, Macht und Interessen
Der Markt für dauerhafte Entnahme hängt an sehr wenigen Akteuren. Microsoft stand im April 2026 für rund 78,5 Prozent aller offengelegten Käufe, was Preise, Methodenwahl und Standortentscheidungen einer einzelnen Beschaffungsabteilung überlässt.
Auf der Angebotsseite treten Ölkonzerne auf, etwa Occidental mit Stratos, deren Kerngeschäft historisch die Nutzung von CO2 zur Ölförderung einschließt; das US-Energieministerium hat für zwei DAC-Zentren 1,2 Milliarden Dollar bewilligt, die EU förderte die Stockholmer BECCS-Anlage mit 180 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds.
Zementindustrie, Abfallwirtschaft und Luftfahrt haben ein handfestes Interesse daran, dass ihre Emissionen als unvermeidbar gelten, weil davon abhängt, ob sie mindern oder kompensieren müssen. Registrierungsstellen und Zertifizierer verdienen an ausgestellten Gutschriften und damit an Volumen, nicht an Strenge. Nichts davon widerlegt die Physik der Verfahren, es erklärt aber, warum Ankündigungsmengen und Liefermengen so weit auseinanderliegen.
Die Romane dazu
So weit die Datenlage. Was sie für Menschen bedeutet, denken diese Romane aus dem Lexikon weiter.
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Das Ministerium für die Zukunft
Robinson denkt eine Kohlenstoffwährung durch, die Entnahme bezahlbar macht, und behandelt die Finanzierungsfrage als das eigentliche Nadelöhr. Genau dort liegt laut dem Bericht von 2026 inzwischen auch das reale Problem.
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Beauman treibt die Logik handelbarer Umweltzertifikate ins Absurde und trifft damit die Schwachstelle jedes Entnahmemarkts: die Verifikation dessen, was tatsächlich geliefert wurde.
Häufige Fragen
Wie viel CO2 wird heute weltweit aus der Luft geholt?
Rund 2,2 Gigatonnen pro Jahr, was etwa fünf Prozent der jährlichen Emissionen entspricht. Davon stammen 99,9 Prozent aus Aufforstung, Waldbewirtschaftung und Bodenkohlenstoff. Alle technischen und geochemischen Verfahren zusammen liegen bei ungefähr 2 Millionen Tonnen jährlich. Zum Vergleich: Die fossilen Emissionen betrugen 2025 rund 38,1 Gigatonnen, das ist mehr als das Siebzehnfache der gesamten heutigen Entnahmeleistung.
Was kostet es, eine Tonne CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen?
Die Spanne ist groß. Forstprojekte liegen bei 5 bis 53 Dollar je Tonne, Bodenkohlenstoff bei bis zu 150 Dollar, Pflanzenkohle im mittleren dreistelligen Bereich. Direkte Luftabscheidung kostet derzeit 400 bis über 1.000 Dollar je Tonne. Optimistische Lernkurven sehen bis 2050 Werte von 100 bis 300 Dollar, belegt ist das bisher nicht, weil die großen Anlagen erst anlaufen.
Ist CO2-Entnahme eine Ausrede für weiter steigende Emissionen?
Das ist der stärkste Einwand und er lässt sich nicht wegdiskutieren. Solange die Entnahme bei 0,05 Prozent der Emissionen liegt, taugt sie nicht als Ausgleich für laufenden Ausstoß. Der Sachstandsbericht ordnet ihr höchstens ein Fünftel des Wegs zur Netto-Null zu. Sinnvoll wird sie erst für Restemissionen, die trotz Minderung übrig bleiben, und für eine spätere Absenkung der Temperatur.
Wie lange bleibt das entnommene CO2 gespeichert?
Das hängt vollständig vom Speicher ab. Geologische Speicherung in Salzwasser führenden Gesteinsschichten gilt über Jahrtausende als stabil und ist aus Norwegen seit den 1990er Jahren dokumentiert. Pflanzenkohle wird mit über hundert Jahren angesetzt, wobei die Bandbreite nach Bodenart schwankt. Wald und Boden speichern Jahrzehnte, solange Brand, Dürre oder Rodung ausbleiben, und geben den Kohlenstoff sonst wieder ab.
Quellen und Weiterlesen
Grundlage sind Primärdaten und begutachtete Arbeiten: Global Carbon Budget 2025 für Emissionen und Restbudget, WMO State of the Global Climate 2025 für die Temperatur sowie eine dreijährige Feldstudie zur beschleunigten Gesteinsverwitterung in Environmental Science and Technology für die Messproblematik. Für Mengen, Kosten und Lücken dient die unabhängige Synthese State of Carbon Dioxide Removal, 3. Ausgabe 2026, ergänzt um IEA-Angaben zur Abscheidungskapazität.
Marktzahlen zu Verträgen und tatsächlichen Lieferungen stammen von CDR.fyi, Rechtsstand aus den EU-Rechtsakten von Februar und Juli 2026 sowie dem novellierten Kohlendioxid-Speicherungs- und Transportgesetz. Meldungen von Occidental, Climeworks und Stockholm Exergi werden nur als Interessenquelle geführt. Update-Anlass sind die Inbetriebnahme von Stratos, die jährliche CDR-Marktbilanz und die nächste Ausgabe des Sachstandsberichts.