Energiespeicher: Was nach Lithium kommt

Der Stundenbereich ist technisch gelöst. Lithium-Eisenphosphat dominiert den Netzspeichermarkt, und BloombergNEF misst für 2025 einen Weltdurchschnitt von 108 US-Dollar je Kilowattstunde auf Packebene, im stationären Segment 70 US-Dollar. Weltweit gingen 2025 nach IEA-Zählung 108 Gigawatt Batteriespeicher ans Netz, rund 40 Prozent mehr als 2024, etwa 60 Prozent davon in China.

Natrium-Ionen verlässt gerade das Labor, CATL nennt 175 Wattstunden je Kilogramm und startete die Serienfertigung 2026. Offen bleibt die Woche: Eisen-Luft-Systeme für 100 Stunden Entladung stehen bei ersten Netzprojekten im Megawattbereich, Wasserstoff als Saisonspeicher hat weltweit erst gut 4 Gigawatt Elektrolyse hinter sich. Die Reifegrade fallen entsprechend auseinander, im Stundenbereich Serienprodukt, im Tagesbereich Demonstrator.

Der Preisverfall ist real, der Engpass hat sich verschoben

Der stationäre Speicher hat 2025 die Preisführung von der Elektromobilität übernommen. BloombergNEF weist für Netzspeicher-Packs 70 US-Dollar je Kilowattstunde aus, 45 Prozent unter dem Vorjahr, während der Schnitt über alle Anwendungen bei 108 US-Dollar liegt. Getragen hat das die Überkapazität chinesischer Zellfabriken und der Wechsel auf Lithium-Eisenphosphat, das ohne Kobalt und Nickel auskommt.

In Deutschland liegt der Flaschenhals inzwischen im Netz. Anschlussbegehren für 573 Gigawatt und 1.583 Gigawattstunden trafen 2025 bei Verteil- und Übertragungsnetzbetreibern ein, zugesagt wurden 54 Gigawatt, also knapp ein Zehntel.

Ein Teil dieser Anfragen sind Mehrfachreservierungen verschiedener Projektierer für dieselben Netzknoten, ein anderer Teil realer Investitionsdruck. Welcher Anteil überwiegt, lässt sich aus den Registerdaten bislang nicht sauber trennen, weshalb die Pipeline-Zahl als Bedarfsprognose untauglich ist.

Vier Linien für alles, was länger als vier Stunden dauert

Lithium ist im Stundenbereich schwer zu unterbieten, taugt aber schlecht für Speicher, die 50 oder 100 Stunden Energie halten sollen. Dort zählen die Kosten je Kilowattstunde Speichermenge, während Leistungselektronik und Zellchemie an Gewicht verlieren. Vier Linien arbeiten an diesem Bereich, mit deutlich unterschiedlichem Reifegrad.

  • Natrium-Ionen, Reifegrad 3 bis 4 CATL gibt für die Naxtra-Zelle 175 Wattstunden je Kilogramm an, startete die Serienfertigung 2026 und erwartet für dieses Jahr 10.000 bis 20.000 Fahrzeuge. Im Netz läuft seit Juli 2024 in Qianjiang eine Anlage mit 50 Megawatt und 100 Megawattstunden auf HiNa-Zellen. Der Vorteil liegt bei Rohstoffbasis und Kälteverhalten, die Energiedichte bleibt unter Lithium-Eisenphosphat.
  • Eisen-Luft für 100 Stunden, Reifegrad 3 Form Energy lädt und entlädt kontrolliert rostendes Eisen. Ende 2025 waren über 200 Megawatt unter Vertrag, die erste kommerzielle Anlage entsteht mit Great River Energy in Minnesota, das Werk in Weirton fertigte seit Anfang 2025 rund 100.000 Elektroden. Der Wirkungsgrad liegt klar unter Lithium, was bei wenigen Zyklen im Jahr wirtschaftlich verkraftbar ist.
  • Wärmespeicher, Reifegrad 4 bis 5 Ein großer Teil des Speicherbedarfs ist Wärmebedarf. Heißwasser- und Feststoffspeicher puffern Fernwärme über Tage bis Wochen, Hochtemperaturspeicher liefern Prozesswärme jenseits von 500 Grad Celsius. Die Kosten je gespeicherter Kilowattstunde liegen um Größenordnungen unter Batterien, der Ausbau hängt aber an Wärmenetzen statt an Zellfabriken.
  • Wasserstoff als Saisonspeicher, Reifegrad 2 bis 3 Die IEA zählte 2025 weltweit gut 4 Gigawatt installierte Elektrolyse, eine Verdopplung, aber weit unter den Ankündigungen. Die Projektpipeline für 2030 schrumpfte um 10 auf 27 Millionen Tonnen, über 100 Gigawatt angekündigter Kapazität stehen ohne Investitionsentscheidung. Für die Winterlücke gilt Wasserstoff in Salzkavernen als einzige verfügbare Option in der nötigen Größenordnung.

Wo die Rechnung noch nicht aufgeht

Speicher verdienen an Preisunterschieden. Je länger die Speicherdauer, desto seltener der Zyklus und desto größer muss die Spanne ausfallen, damit sich die Investition trägt. Genau hier setzt die Debatte um Kapazitätsmechanismen an, weil ein Achtstundenspeicher im heutigen deutschen Marktdesign kaum refinanzierbar ist.

Wie viel Speicher am Ende nötig wird, hängt am übrigen System. Fraunhofer ISE modelliert für 2045 rund 400 Gigawattstunden Speicher bei etwa 470 Gigawatt Photovoltaik und über 300 Gigawatt Wind, mit Wasserstoff als Winterpuffer.

Eine Analyse des Anbieters Eco Stor kommt darauf, dass 60 Gigawatt Batterieleistung den Bedarf an gesicherter Kraftwerksleistung um 15 bis 20 Gigawatt senken könnten. Beide Werte sind Modellergebnisse mit Annahmen zu Netzausbau, Flexibilität und Preisen, also keine Messwerte.

Geld, Macht und Interessen

Der Speichermarkt ist ein Zellmarkt, und Zellen kommen überwiegend aus China. CATL und BYD beliefern Netz- wie Heimspeicher, im deutschen Heimsegment führt BYD mit rund 30 Prozent Marktanteil.

Wer schnellen Speicherausbau fordert, verschiebt damit Wertschöpfung und Abhängigkeit, was ein Argument für europäische Zellfertigung ist und zugleich ein Kostenargument dagegen. Auf der Gegenseite stehen Betreiber von Gaskraftwerken und Reservekapazität, deren Geschäftsmodell durch billige Flexibilität unter Druck gerät.

Entsprechend stammen Studien mit hohem ausgewiesenem Speicherpotenzial häufig von Speicheranbietern, etwa die hier zitierte Eco-Stor-Analyse, und Studien mit hohem Kraftwerksbedarf häufig aus dem Gas- und Kraftwerksumfeld.

Ein drittes Interesse liegt bei den Verteilnetzbetreibern, die über Anschlusszusagen faktisch entscheiden, welches Projekt gebaut wird, ohne dass die Kriterien überall offengelegt sind. Und die Netzentgeltbefreiung für Speicher nach Paragraf 118 Absatz 6 Energiewirtschaftsgesetz läuft 2029 aus, was einen Teil des aktuellen Booms zu einem Fristengeschäft macht.

Die Romane dazu

So weit die Datenlage. Was sie für Menschen bedeutet, denken diese Romane aus dem Lexikon weiter.

  1. Das Ministerium für die Zukunft

    Kim Stanley Robinson · 2020 · Near-Future SF

    Robinson verhandelt den Umbau der Energieversorgung über Finanzierung, Zentralbanken und Infrastrukturpolitik. Genau diese Ebene entscheidet auch beim Speicherausbau darüber, ob eine technisch fertige Anlage jemals gebaut wird.

  2. Der Astronaut

    Andy Weir · 2021 · Hard SF

    Der Roman dreht sich um ein Medium, das Energie extrem dicht speichert, und um die Frage, was sich daraus praktisch bauen lässt. Die Denkbewegung entspricht der realen Abwägung zwischen Energiedichte und Kosten.

Häufige Fragen

Wie lange kann ein Batteriespeicher Strom halten?

Handelsübliche Netzspeicher sind auf zwei bis vier Stunden Entladung ausgelegt, zunehmend auch auf mehr, weil die Zellpreise gefallen sind. Die technische Grenze liegt weniger bei der Speicherdauer als bei der Wirtschaftlichkeit: Wer acht Stunden Kapazität baut, nutzt sie seltener und braucht größere Preisunterschiede. Für Zeiträume von Tagen bis Wochen kommen andere Verfahren infrage, etwa Eisen-Luft-Batterien, Wärmespeicher oder Wasserstoff.

Lösen Natrium-Ionen-Batterien das Lithium ab?

Vorerst nicht als Ersatz, eher als zweite Säule. Natrium ist reichlich verfügbar und lässt sich aus Salz oder Meerwasser gewinnen, die Zellen vertragen Kälte besser. Die Energiedichte liegt mit rund 175 Wattstunden je Kilogramm bei CATL unter guten Lithium-Eisenphosphat-Zellen, was für stationäre Speicher wenig ausmacht. Der Serienhochlauf begann 2026, belastbare Feldkosten aus dem Dauerbetrieb fehlen noch.

Brauchen wir Wasserstoff wirklich als Stromspeicher?

Für den Tagesgang ist er zu teuer und zu verlustreich, ein Kreislauf aus Elektrolyse, Speicherung und Rückverstromung verliert rund zwei Drittel der eingesetzten Energie. Für mehrwöchige winterliche Knappheit gibt es in der nötigen Größenordnung derzeit keine ausgereifte Alternative zu Wasserstoff in Salzkavernen. Der Ausbau liegt allerdings weit hinter den Ankündigungen, weltweit sind gut 4 Gigawatt Elektrolyse installiert.

Warum wird nur ein Bruchteil der beantragten Großspeicher gebaut?

Von 573 Gigawatt Anschlussbegehren im Jahr 2025 erhielten in Deutschland 54 Gigawatt eine Zusage. Ein Grund sind Mehrfachanfragen mehrerer Entwickler für denselben Netzknoten, die keine echten Projekte abbilden. Ein zweiter Grund sind fehlende Kapazitäten im Verteilnetz und lange Bauzeiten für Umspannwerke. Der tatsächliche Bestand liegt bei rund 27 Gigawattstunden und wächst mit Rekordraten weiter.

Quellen und Weiterlesen

Die Seite stützt sich zuerst auf Register- und Messdaten: Marktstammdatenregister und Bundesnetzagentur für den deutschen Bestand und die Anschlussbegehren, IEA Global Energy Review 2026 für den weltweiten Zubau von 108 Gigawatt im Jahr 2025, IEA Global Hydrogen Review 2026 für Elektrolysekapazität und Projektpipeline.

Preise stammen aus der jährlichen Erhebung von BloombergNEF vom Dezember 2025 mit 108 US-Dollar je Kilowattstunde im Mittel und 70 US-Dollar im stationären Segment, ergänzt um Benchmark Mineral Intelligence mit 315 Gigawattstunden weltweiter Installation 2025. Die Systemzahlen für 2045 kommen aus der REMod-Modellierung des Fraunhofer ISE und sind Modellergebnisse, keine Messwerte.

Angaben zu CATL Naxtra, Form Energy und Eco Stor sind Hersteller- beziehungsweise Anbieterquellen und stehen hier als Projektstand und Interessenlage, nicht als unabhängiger Technikbeleg. Update-Anlass: die nächste BNEF-Preiserhebung im Dezember, die Quartalszahlen zum deutschen Speicherzubau, erste Betriebsdaten der Eisen-Luft-Anlage in Minnesota sowie jede Änderung an der Netzentgeltbefreiung.