Wie liest man den IPCC richtig?
Der IPCC bewertet veröffentlichte Literatur und betreibt selbst keine Forschung. Drei Arbeitsgruppen teilen sich das Feld: WG I die physikalischen Grundlagen, WG II Folgen und Anpassung, WG III die Minderung. Belastbar zitieren lässt sich aus den Fachkapiteln und dem Technical Summary; die Summary for Policymakers billigen die 195 Mitgliedsregierungen Zeile für Zeile, sie ist damit wissenschaftlich gedeckt und zugleich politisch verhandelt.
Die Unsicherheitssprache ist kalibriert: likely steht für 66 bis 100 Prozent Wahrscheinlichkeit, very likely für 90 bis 100, virtually certain für 99 bis 100. Der siebte Zyklus läuft, der Entwurf der Arbeitsgruppe I ging im Juli 2026 in die Begutachtung, ein verbindlicher Zeitplan für die drei Hauptberichte fehlt weiterhin.
Was der IPCC leistet und was er nicht ist
Der Weltklimarat wurde 1988 von der Weltorganisation für Meteorologie und dem UN-Umweltprogramm gegründet und hat heute 195 Mitgliedsregierungen. Er sichtet und bewertet veröffentlichte Literatur; eigene Forschung betreibt er nicht. Die Autorinnen und Autoren werden von Regierungen und Beobachterorganisationen nominiert, vom Büro ausgewählt und arbeiten unbezahlt.
Der Umfang der Prüfung lässt sich beziffern. Am AR6-Bericht der Arbeitsgruppe I arbeiteten 234 Autorinnen und Autoren aus 66 Ländern, zitiert wurden über 14.000 Arbeiten, eingegangen sind 78.007 Kommentare von Fachleuten und Regierungen.
Die Summary for Policymakers billigten die Mitgliedsregierungen anschließend Zeile für Zeile in einer zweiwöchigen Sitzung ab dem 26. Juli 2021. Dieser Schritt macht die Zusammenfassung zu einem verhandelten Text mit Bindung: Jede Formulierung muss durch den zugrundeliegenden Bericht gedeckt bleiben, Autoren und Review Editors können Änderungen zurückweisen. Praktisch wirkt das Verfahren in Richtung vorsichtiger Formulierungen.
Die kalibrierte Sprache lesen
Der IPCC arbeitet mit zwei getrennten Skalen, die im Text kursiv gesetzt sind. Wer den Kursivsatz überliest, verwechselt mittleres Vertrauen mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit.
- Vertrauensgrad (confidence) Qualitativ, in fünf Stufen von very low bis very high. Er bündelt Menge und Qualität der Evidenz mit dem Grad der Übereinstimmung zwischen den Studien und trägt keinen Zahlenwert.
- Wahrscheinlichkeit (likelihood) Quantitativ: likely bedeutet 66 bis 100 Prozent, very likely 90 bis 100, extremely likely 95 bis 100, virtually certain 99 bis 100. Unterhalb der Mitte gelten unlikely mit 0 bis 33 und very unlikely mit 0 bis 10 Prozent.
- Fehlende Kalibrierung ist selbst eine Aussage Fehlt bei einem Befund die kalibrierte Angabe, ist die Evidenzlage für eine solche Einordnung zu dünn. Das trifft häufig auf Kipppunkte und regionale Extremereignisse zu.
- Szenarien sind Annahmen Die SSP-Pfade beschreiben mögliche Entwicklungen von Bevölkerung, Wirtschaft und Politik. Sie tragen keine Eintrittswahrscheinlichkeit und dienen als Vergleichsrahmen; eine Prognose liefern sie nicht.
Wo AR7 im August 2026 steht
Der siebte Zyklus läuft seit 2023 unter dem Vorsitz von Jim Skea. Der Zuschnitt des Berichts der Arbeitsgruppe I wurde im Februar 2025 in Hangzhou beschlossen, die Autorenauswahl folgte im Juli 2025, das zweite Leitautorentreffen fand im April 2026 statt.
Seit Juli 2026 liegt der First Order Draft zur Expertenbegutachtung aus, Registrierung bis 25. September 2026. Der Sonderbericht zu Klimawandel und Städten war im Mai 2026 in der zweiten Begutachtungsrunde und soll im März 2027 gebilligt werden. Für 2027 sind zwei Methodenberichte für nationale Emissionsinventare angesetzt, einer zu kurzlebigen Klimatreibern und einer zu CO2-Entnahme sowie CCUS.
Offen ist ausgerechnet der Zeitplan der drei Hauptberichte. Eine Gruppe aus kleinen Inselstaaten und Industrieländern will alle drei bis 2028 fertig sehen, damit sie in die zweite globale Bestandsaufnahme unter dem Pariser Abkommen eingehen; Indien, Kenia, Russland und Saudi-Arabien halten diesen Zeitdruck für unvereinbar mit gründlicher Begutachtung und der Beteiligung ärmerer Länder.
Die 64. Sitzung im März 2026 in Bangkok brachte erneut keine Einigung und verschob die Frage auf die 65. Sitzung im Oktober 2026 in Addis Abeba. Für den Synthesebericht gilt weiterhin die 2024 getroffene Festlegung auf 2029. Parallel drückt die Kasse: Der Treuhandfonds wäre nach eigener Projektion 2028 leer, die Vereinigten Staaten zahlten in der ersten Hälfte 2025 nichts mehr.
Geld, Macht und Interessen
Der IPCC ist zwischenstaatlich verfasst, und das prägt seine Produkte an zwei Stellen.
Regierungen nominieren Autoren und billigen die Zusammenfassungen Zeile für Zeile, weshalb fossile Exportstaaten und kleine Inselstaaten gleichermaßen an Formulierungen arbeiten; der Streit um den AR7-Zeitplan ist ein offen ausgetragener Fall davon, weil ein Bericht nach 2028 in der globalen Bestandsaufnahme keine Wirkung mehr entfaltet. Zweitens hängt der Betrieb an freiwilligen Beiträgen weniger Geber.
Der Rückzug der Vereinigten Staaten aus der Finanzierung 2025 traf ein Budget, das schon 2024 im Minus lag; auf der Sparliste stehen virtuelle Sitzungen, ein Einstellungsstopp und gekürzte Redaktion samt Übersetzung, was die Zugänglichkeit der Berichte für nicht englischsprachige Fachwelten unmittelbar trifft.
Beides begründet Skepsis gegenüber der Wortwahl in den Zusammenfassungen und begründet keine gegenüber den Fachkapiteln, denn dort steht jede Aussage mit Zitat, und Zitate lassen sich nachschlagen.
Die Romane dazu
So weit die Datenlage. Was sie für Menschen bedeutet, denken diese Romane aus dem Lexikon weiter.
-
Das Ministerium für die Zukunft
Robinson erzählt die Maschinerie hinter solchen Berichten, also Gremien, Mandate und die Frage, was ein wissenschaftlicher Befund politisch auslöst. Das schärft den Blick dafür, wo im IPCC-Prozess die Bewertung endet und die Verhandlung beginnt.
Häufige Fragen
Was bedeutet likely in einem IPCC-Bericht?
Der Begriff ist kalibriert und steht für eine Wahrscheinlichkeit von 66 bis 100 Prozent. Die Skala kennt weitere Stufen: virtually certain heißt 99 bis 100 Prozent, extremely likely 95 bis 100, very likely 90 bis 100, unlikely dagegen 0 bis 33 Prozent. Kalibrierte Begriffe stehen im Bericht kursiv, gleichlautende umgangssprachliche Wörter stehen normal. Daneben läuft die qualitative Skala des Vertrauensgrades von very low bis very high.
Ist die Summary for Policymakers politisch gefärbt?
Sie wird von den 195 Mitgliedsregierungen Zeile für Zeile gebilligt und ist damit ein verhandelter Text. Die Verhandlung ist gebunden: Jede Formulierung muss vom zugrundeliegenden Bericht gedeckt sein, und die anwesenden Autorinnen und Autoren können Änderungen zurückweisen. Der beobachtete Effekt läuft eher auf vorsichtigere Formulierungen hinaus als auf Zuspitzung. Bei strittigen Punkten lohnt der Griff zum Fachkapitel, dessen Text keiner Regierungsbilligung unterliegt.
Was unterscheidet die Arbeitsgruppen I, II und III?
Arbeitsgruppe I bewertet die physikalischen Grundlagen, also Beobachtungen, Prozesse und Projektionen des Klimasystems. Arbeitsgruppe II behandelt Folgen, Verwundbarkeit und Anpassung, Arbeitsgruppe III die Minderung von Emissionen samt Kosten und Politikinstrumenten. Der Synthesebericht führt am Ende eines Zyklus alles zusammen. Wer eine Messgröße sucht, landet bei WG I; wer nach Maßnahmen und deren Kosten fragt, bei WG III.
Wann erscheint der siebte Sachstandsbericht?
Für die drei Arbeitsgruppenberichte gibt es im August 2026 kein beschlossenes Datum. Die Panelsitzung im März 2026 in Bangkok scheiterte erneut an dieser Frage, die Entscheidung liegt nun bei der Sitzung im Oktober 2026 in Addis Abeba. Festgelegt sind der Synthesebericht für 2029, der Sonderbericht zu Städten für März 2027 und zwei Methodenberichte für 2027. Der Entwurf der Arbeitsgruppe I durchläuft seit Juli 2026 die Expertenbegutachtung.
Quellen und Weiterlesen
Grundlage sind Primärdokumente des IPCC: die Pressemitteilungen und Begutachtungsaufrufe zum AR7-Zyklus (Zuschnitt und Autorenauswahl der Arbeitsgruppe I 2025, zweites Leitautorentreffen April 2026, First Order Draft mit Registrierung bis 25. September 2026, zweite Begutachtungsrunde des Städte-Sonderberichts Mai 2026, erstes Leitautorentreffen zum Methodenbericht CO2-Entnahme und CCUS April 2026) sowie die Kennzahlen der Pressemitteilung zum AR6-Bericht der Arbeitsgruppe I vom 9. August 2021 (234 Autorinnen und Autoren aus 66 Ländern, über 14.000 Referenzen, 78.007 Kommentare, Billigung durch 195 Regierungen).
Der Verhandlungsstand stammt aus dem Earth Negotiations Bulletin zur 64. Sitzung in Bangkok vom 24. bis 27. März 2026, der Finanzierungsstand aus der Berichterstattung von Climate Home News und Carbon Brief sowie dem Programm- und Budgetdokument des Treuhandfonds.
Die Definitionen der kalibrierten Sprache folgen der Unsicherheitsleitlinie des IPCC und Box 1.1 des AR6-Berichts der Arbeitsgruppe I. Update-Anlass: Beschluss oder erneutes Scheitern zum AR7-Zeitplan bei der 65. Sitzung im Oktober 2026, Billigung des Städte-Sonderberichts im März 2027, Erscheinen der beiden Methodenberichte.