Kalte Fusion: was aus dem Versprechen von 1989 geworden ist
Kalte Fusion bezeichnet die Behauptung, Wasserstoffkerne ließen sich bei Zimmertemperatur in einem Metallgitter verschmelzen. Martin Fleischmann und Stanley Pons meldeten 1989 Überschusswärme aus einer Palladiumelektrode in schwerem Wasser. Die Wiederholung misslang, zwei Begutachtungen des US-Energieministeriums 1989 und 2004 fanden keinen belastbaren Nachweis.
Heute läuft die Forschung unter dem Namen LENR weiter, finanziert unter anderem von Google zwischen 2015 und 2018 und von ARPA-E mit zehn Millionen Dollar seit 2023. Verwertbare Überschusswärme hat keines der Programme gefunden.
Ein Ergebnis aus dem ARPA-E-Umfeld erschien im Juli 2026 in Nature Communications und zeigt bei sehr niedrigen Energien Fusionsausbeuten weit über der Erwartung, bei absoluten Raten ohne jede Bedeutung für Energieerzeugung. Als Klimatechnologie spielt kalte Fusion keine Rolle.
Der Fall 1989 und die Regeln, an denen er scheiterte
Am 23. März 1989 traten Martin Fleischmann und Stanley Pons an der University of Utah vor die Presse, bevor ihre Arbeit begutachtet war. Die Behauptung lautete: Eine Palladiumelektrode in schwerem Wasser gebe mehr Wärme ab, als der elektrische Strom hineinsteckt, und die Quelle sei Kernfusion bei Zimmertemperatur.
Innerhalb weniger Monate versuchten Dutzende Labore die Wiederholung. Wo Überschusswärme auftrat, blieb sie sporadisch, und die Kernprodukte fehlten, die eine Fusion zwangsläufig hinterlässt.
Ein Gutachtergremium des US-Energieministeriums riet noch 1989 von einem eigenen Programm ab. Die zweite Begutachtung 2004 kam zu keinem grundlegend anderen Schluss und empfahl statt eines Sonderprogramms den üblichen Weg über Einzelanträge.
Der wissenschaftliche Kern des Problems hat sich seither nicht verschoben. Eine Behauptung über Kernreaktionen muss an Kernprodukten hängen, an Helium-4, Neutronen oder Gammastrahlung in der Menge, die zur gemeldeten Wärme passt. Diese Bilanz ist in über dreißig Jahren nicht geschlossen worden.
Was heute tatsächlich gemessen wird
Zwei Programme haben den Fall mit modernen Methoden neu aufgerollt. Googles NERD-Gruppe finanzierte von 2015 bis 2018 rund ein Dutzend Projekte mit etwa dreißig Forschenden und fand keinen belastbaren Hinweis auf Anomalien, dafür 28 begutachtete Arbeiten samt der Bestandsaufnahme Revisiting the cold case of cold fusion in Nature 2019 und nebenbei ein Verfahren für deuterierte Wirkstoffe.
ARPA-E schrieb 2022 zehn Millionen Dollar aus und vergab sie im Februar 2023 an acht Teams mit dem erklärten Ziel, die Frage in beide Richtungen entscheidbar zu machen.
Aus dem Projekt von Lawrence Berkeley National Laboratory und UC Davis kam im Juli 2026 ein Ergebnis in Nature Communications. Die Gruppe um Micah Karahadian, Thomas Schenkel und Jeremy Munday maß Deuterium-Deuterium-Fusion in Palladium- und Titanfolien bei Schwerpunktenergien von 0,25 bis 6,5 Kiloelektronenvolt und fand unterhalb von zwei Kiloelektronenvolt ein Ausbeuteplateau statt des erwarteten exponentiellen Abfalls.
Das Abschirmpotenzial in Palladium stieg von 0,8 auf 1,7 Kiloelektronenvolt, sobald die Folie elektrochemisch mit Deuterium beladen wurde. Die Autoren schreiben selbst, dass die absoluten Raten derzeit ohne Bedeutung für Energieerzeugung sind. Konrad Czerski aus Szczecin bestreitet die Deutung über Abschirmung und verweist auf Oberflächenschäden.
- MIT, 2,0 Millionen Dollar Messplattform für nukleare Anomalien in gasbeladenen Metall-Wasserstoff-Systemen.
- Berkeley Lab und UC Davis, 1,5 Millionen Dollar Deuterium-beladene Metallhydride unter externer Anregung durch einen niederenergetischen Ionenstrahl, Reaktionsprodukte mit Standarddetektoren nachgewiesen.
- Stanford, 1,5 Millionen Dollar Nanopartikel in gasförmigem Deuterium als mögliche LENR-aktive Materialklasse.
- Texas Tech und University of Michigan, zusammen 3,2 Millionen Dollar Materialcharakterisierung sowie Suche nach Neutronen, Gammastrahlung und Ionenemission.
Ein Testfall für Evidenzregeln
Der Fall taugt als Prüfstein für jede Behauptung über neue Energietechnik. Drei Fragen entscheiden. Erstens, ob eine geschlossene Bilanz vorliegt, in der Eingangsenergie, Ausgangsenergie und Reaktionsprodukte zueinander passen. Zweitens, ob ein unabhängiges Labor denselben Aufbau mit demselben Ergebnis betrieben hat. Drittens, wo publiziert und von wem gegengelesen wurde.
Aus dem LENR-Umfeld kommen seit Jahrzehnten vor allem Konferenzbeiträge und Firmenmeldungen, zuletzt aus Japan zur angekündigten Vermarktung eines Wärmeprozesses. Als Technikbeleg zählt davon nichts. Das Ergebnis von 2026 zählt, weil es begutachtet ist, die Grenzen der eigenen Aussage benennt und keine Energiequelle behauptet.
Geld, Macht und Interessen
ARPA-E begründet die zehn Millionen Dollar wie eine billige Option: Der Einsatz ist gemessen am Fusionsbudget klein, ein Treffer wäre groß. Auf der anderen Seite steht ein Feld, das seit 1989 von Aufmerksamkeit lebt.
Anbieter wie Clean Planet in Japan oder früher Industrial Heat haben Investorengelder, Patente und Vorabmeldungen an Medien vorzuweisen, wo begutachtete Messreihen fehlen; eine Förderzusage der Stadtverwaltung Tokio ist eine wirtschaftspolitische Entscheidung und taugt nicht als Technikbeleg.
Die eigene Konferenzreihe ICCF, deren 27. Ausgabe Anfang September 2026 in Niagara Falls stattfindet, ersetzt die reguläre Begutachtung nicht. Umgekehrt hat auch die etablierte Fusions- und Kernforschung ein Interesse daran, Mittel und Reputation nicht an einen belasteten Nebenzweig abzugeben. Beide Interessenlagen gehören auf den Tisch und entscheiden die Sachfrage nicht.
Die Romane dazu
So weit die Datenlage. Was sie für Menschen bedeutet, denken diese Romane aus dem Lexikon weiter.
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Andy Weir erzählt Laborarbeit als Kette aus Messung, Fehlersuche und Widerlegung, also genau die Disziplin, an der die kalte Fusion 1989 gescheitert ist. Die Energiequelle im Roman ist erfunden, das Vorgehen taugt als Anschauung.
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Robinson führt vor, wie ein technisches Großversprechen an Physik und Materialverhalten zerbricht, während die Beteiligten weiter daran glauben wollen.
Häufige Fragen
Gibt es kalte Fusion wirklich?
Als Energiequelle nach heutigem Stand nicht. Seit 1989 hat kein Labor eine reproduzierbare Überschusswärme mit passenden Kernprodukten vorgelegt, und zwei Begutachtungen des US-Energieministeriums haben das bestätigt. Nachgewiesen ist etwas Schwächeres: In Metallgittern laufen Fusionsreaktionen bei sehr niedrigen Energien deutlich häufiger ab als für nackte Kerne erwartet. Die Raten liegen weit unterhalb dessen, was eine Anlage speisen könnte.
Was unterscheidet LENR von der Kernfusion in Tokamaks?
Reguläre Fusionsforschung erzeugt ein Plasma von über hundert Millionen Grad und misst Neutronen, Wärme und Zündbedingungen mit etablierten Verfahren an Großanlagen. LENR behauptet Kernreaktionen im Festkörper bei nahezu Zimmertemperatur, ohne anerkannten Mechanismus und ohne geschlossene Produktbilanz. Entsprechend unterscheidet sich der Reifegrad: Kernfusion steht bei Forschung mit realen Demonstratoren, kalte Fusion bei spekulativ.
Warum finanziert ARPA-E dann LENR-Forschung?
Die Behörde finanziert Hochrisikovorhaben und wollte die Blockade auflösen, in der seit Jahrzehnten weder ein sauberer Nachweis noch eine saubere Widerlegung vorlag. Zehn Millionen Dollar auf acht Teams sind gemessen am Energieforschungsbudget wenig, und das Programm verlangte Standarddetektoren und offengelegte Methodik. Bis August 2026 hat keines der Teams eine energetisch relevante Überschusswärme berichtet.
Spielt kalte Fusion für den Klimaschutz eine Rolle?
Nein. Selbst bei einem überraschenden Durchbruch lägen Jahrzehnte zwischen einem Laborbefund und einem Kraftwerk, und die Emissionsbilanz der nächsten fünfundzwanzig Jahre entscheidet sich an Technik, die heute skaliert. Lehrreich bleibt der Fall trotzdem, weil er zeigt, an welchen Belegen eine Energiebehauptung hängt und woran angebliche Wunderlösungen regelmäßig scheitern.
Quellen und Weiterlesen
Die Seite steht auf begutachteter Primärliteratur und institutionellen Bewertungen. Für den aktuellen Messstand: Karahadian und andere, Enhanced nuclear fusion in the sub-keV energy regime, Nature Communications 17, 8845 vom 18. Juli 2026, samt der Einordnung in Physics World von Anfang August 2026 mit dem Widerspruch von Konrad Czerski.
Für die Programmlage: die ARPA-E-Bekanntgabe vom Februar 2023 mit den acht Projekten und Fördersummen sowie die Projektbeschreibung des Lawrence Berkeley National Laboratory.
Für die Vorgeschichte: Berlinguette und andere, Revisiting the cold case of cold fusion, Nature 570, Seite 45 aus dem Jahr 2019, der Rückblick des Programmverantwortlichen in IEEE Spectrum vom November 2024 und die beiden Begutachtungen des US-Energieministeriums von 1989 und 2004. Firmen- und Konferenzmeldungen aus dem LENR-Umfeld sind ausschließlich als Interessenquelle verwendet.
Update-Anlass: ein begutachteter Bericht über reproduzierte Überschusswärme mit passender Kernproduktbilanz, ein Abschlussbericht des ARPA-E-Programms oder eine unabhängige Replikation des Ausbeuteplateaus.