Kernfusion: Wann sie Strom liefert und was sie fürs Klima bedeutet

Kernfusion liefert bislang keinen Strom ins Netz. Die National Ignition Facility in Kalifornien erreichte im April 2025 mit 2,08 Megajoule Laserenergie eine Fusionsausbeute von 8,6 Megajoule, gut das Vierfache; aus dem Netz zieht die Anlage weiterhin ein Vielfaches davon.

ITER in Südfrankreich plant nach dem Zeitplan von 2024 den Forschungsbetrieb ab 2034 und Deuterium-Tritium-Plasmen ab 2039. Private Firmen versprechen mehr Tempo: Commonwealth Fusion Systems will mit SPARC 2027 einen Nettogewinn im Plasma zeigen, Helion hat Microsoft für 2028 Strom zugesagt.

Bis Juli 2026 sammelte die Branche 14,24 Milliarden Dollar privates Kapital ein. Für die Klimaziele bis 2040 kommt Fusion damit zu spät. Relevant werden könnte sie in der zweiten Jahrhunderthälfte.

Was die Experimente 2026 zeigen

Trägheitsfusion und magnetischer Einschluss haben beide messbare Fortschritte vorzuweisen. An der National Ignition Facility gelang die Zündung seit Dezember 2022 mehrfach, zuletzt mit einem Verhältnis von Fusionsenergie zu eingestrahlter Laserenergie von gut vier. Die Anlage zieht dafür einige hundert Megajoule aus dem Netz und schießt wenige Male pro Tag, während ein Kraftwerk mehrere Schüsse pro Sekunde bräuchte.

Im magnetischen Einschluss zählen Dauer und Güte des Plasmas. Wendelstein 7-X in Greifswald setzte 2025 Bestwerte für lang anhaltende Entladungen, der chinesische Tokamak EAST hält Rekorde bei Entladungen im Bereich von tausend Sekunden. Der Sprung zum brennenden Plasma steht bei allen Maschinen noch aus.

  • ITER, Frankreich Forschungsbetrieb ab 2034, Deuterium-Tritium-Betrieb ab 2039. Ende Juli 2026 war das sechste von neun Sektormodulen eingebaut, etwa ein halbes Jahr früher als geplant. Projektwert rund 23,6 Milliarden Euro.
  • SPARC und ARC, Commonwealth Fusion Systems Erstes Plasma für 2026 angekündigt, Nettogewinn im Plasma für 2027. Das geplante Kraftwerk ARC in Virginia soll Anfang der 2030er Jahre 400 Megawatt elektrisch liefern.
  • Polaris und Orion, Helion Energy Polaris erreichte Anfang 2026 rund 150 Millionen Grad, nötig sind nach Firmenangaben 200 Millionen. Die 50-Megawatt-Anlage Orion soll 2028 Strom an Microsoft liefern; unabhängig geprüfte Energiebilanzen liegen nicht vor.
  • BEST, China Kompakter Tokamak in Hefei, Fertigstellung für 2027 angekündigt, gedacht als Zwischenschritt zwischen dem Experiment EAST und einem chinesischen Demonstrationskraftwerk.

Die Hürden zwischen Plasma und Kraftwerk

Die gängige Reaktion aus Deuterium und Tritium setzt rund 80 Prozent der Energie in schnellen Neutronen frei. Diese Neutronen müssen in einem Lithium-Brutmantel neues Tritium erzeugen, weil der verfügbare Weltvorrat aus Schwerwasserreaktoren nur wenige Dutzend Kilogramm umfasst. Ein Brutmantel, der mehr Tritium erzeugt als der Reaktor verbraucht, ist bislang nirgends im Betrieb erprobt.

Dieselben Neutronen schädigen die Wandwerkstoffe und aktivieren sie. Materialien für Standzeiten von Jahren existieren bisher in Modellen und kleinen Bestrahlungsproben, weil eine geeignete Neutronenquelle für Materialtests erst gebaut wird. Dazu kommen Fernhantierung im aktivierten Reaktorraum und die Frage, ob eine Anlage genug Volllaststunden erreicht, um ihre Kapitalkosten zu verdienen.

Was Fusion für den Klimapfad bedeutet

Die entscheidende Rechnung ist eine Zeitrechnung. Selbst wenn eine Firma Ende der 2020er Jahre erstmals Strom liefert, folgen Genehmigung, Nachbau und Lieferketten; historisch vergehen zwischen erstem Kraftwerk und relevantem Anteil an der Erzeugung zwei bis vier Jahrzehnte. Der Emissionspfad bis 2040 entscheidet sich an Ausbau der Erneuerbaren, Netzen, Speichern, Wärmepumpen und Industrieumbau, die heute alle verfügbar sind.

Danach kann Fusion einen Platz haben, etwa für stetige Last an Standorten mit wenig Fläche oder schwacher Einstrahlung. Die nüchterne Formulierung lautet: Fusion ist eine Option für die Zeit nach der Dekarbonisierung. Wer sie heute als Argument gegen kurzfristige Maßnahmen benutzt, verwechselt Forschungspolitik mit Klimapolitik.

Geld, Macht und Interessen

Fusion ist inzwischen auch ein Kapitalmarktthema. Die Fusion Industry Association zählte im Juli 2026 56 Unternehmen und 14,24 Milliarden Dollar eingesammeltes Privatkapital, davon 4,48 Milliarden allein im zurückliegenden Zwölfmonatszeitraum; alle fünf Firmen jenseits der Milliardenmarke sitzen in den USA. Ein Teil der Nachfrage kommt von Rechenzentrumsbetreibern, die langfristige Stromverträge abschließen und damit zugleich ihre eigene Klimabilanz erzählbar halten.

Solche Verträge sind Absichtserklärungen mit Ausstiegsklauseln und keine gelieferten Kilowattstunden.

In Deutschland beschloss die Bundesregierung am 1. Oktober 2025 den Aktionsplan Fusion mit mehr als zwei Milliarden Euro bis 2029; deutsche Fusionsfirmen halten davon nur 700 bis 900 Millionen für tatsächlich abrufbar und fordern mindestens drei Milliarden.

Auf der anderen Seite steht die Beobachtung, dass öffentlich finanzierte Grundlagenforschung die Physik geliefert hat, während die Patente zunehmend privat gehalten werden. Interessen dieser Art entscheiden nichts über die Physik, sie erklären den Ton der Ankündigungen.

Die Romane dazu

So weit die Datenlage. Was sie für Menschen bedeutet, denken diese Romane aus dem Lexikon weiter.

  1. 2312

    Kim Stanley Robinson · 2012 · Hard SF

    Robinson entwirft eine Zivilisation, in der Fusionsantriebe Alltag sind, und behandelt sie als Infrastruktur mit Eigentümern und Politik. Das ist die nüchternere Perspektive auf eine Technik, die im Feuilleton gern als Wunder auftritt.

  2. Aurora

    Kim Stanley Robinson · 2015 · Hard SF

    Der Roman führt vor, wie Ingenieursversprechen an Zeitskalen, Materialermüdung und Restrisiken scheitern können. Als Korrektiv zur Erwartung, eine einzelne Technik löse das Energieproblem, ist er brauchbar.

Häufige Fragen

Wann liefert Kernfusion Strom ins Netz?

Belastbar ist bisher nur der öffentliche Zeitplan: ITER nimmt den Forschungsbetrieb 2034 auf und fährt ab 2039 mit Deuterium und Tritium. Private Firmen nennen 2028 bis Anfang der 2030er Jahre, und in der Branchenumfrage von Juli 2026 erwarten 71 Prozent der Unternehmen das erste kommerzielle Kraftwerk in den 2030er Jahren. Solche Selbstauskünfte waren in der Vergangenheit regelmäßig zu optimistisch.

Was unterscheidet Kernfusion von Kernspaltung?

Die Spaltung zerlegt schwere Kerne wie Uran und erzeugt langlebigen radioaktiven Abfall; ihre Kettenreaktion muss aktiv gebremst werden. Die Fusion verschmilzt leichte Kerne wie Deuterium und Tritium. Fällt Heizung oder Einschluss aus, erlischt das Plasma von selbst. Es entsteht kein spaltbares Material, wohl aber aktivierte Bauteile.

Ist Kernfusion sicher und fällt Atommüll an?

Ein Durchgehen wie bei einer Kettenreaktion ist physikalisch ausgeschlossen, weil im Reaktor immer nur wenige Gramm Brennstoff sind. Tritium ist radioaktiv und muss dicht eingeschlossen werden. Die Neutronen aktivieren Wand und Struktur, sodass schwach- bis mittelaktive Abfälle mit Abklingzeiten im Bereich von etwa hundert Jahren anfallen statt von Hunderttausenden.

Hilft Kernfusion beim Erreichen der Klimaziele?

Für die Ziele bis 2040 nicht, weil in diesem Zeitraum kein Kraftwerkstyp in relevanter Stückzahl stehen wird. Die Emissionsminderung dieses Jahrzehnts hängt an Ausbau der Erneuerbaren, Netzen, Speichern und Elektrifizierung. Nach 2050 könnte Fusion eine Ergänzung für stetige Last werden, sofern sie technisch und wirtschaftlich liefert.

Quellen und Weiterlesen

Grundlage sind Primärdaten der Anlagenbetreiber und Forschungsinstitute: die dokumentierten Schussergebnisse der National Ignition Facility einschließlich des Rekords vom April 2025, die Kampagnenberichte des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik zu Wendelstein 7-X aus dem Jahr 2025 sowie die offizielle ITER-Baseline von 2024 und der Bauzwischenstand vom Juli 2026. Branchenzahlen zu Kapital, Unternehmenszahl und Zeitplänen stammen aus dem Global Fusion Industry Report der Fusion Industry Association vom Juli 2026, einer Verbandsquelle mit eigenem Interesse, hier nur für Geld- und Umfragewerte verwendet.

Angaben von Commonwealth Fusion Systems, Helion und den chinesischen Projekten sind Firmen- beziehungsweise Projektmeldungen und als solche zu lesen. Der förderpolitische Teil folgt dem Aktionsplan Fusion der Bundesregierung vom 1. Oktober 2025 samt der Kritik aus der Branche. Update-Anlass: erstes Plasma und Energiebilanz von SPARC, Betriebsdaten von Polaris und Orion, Terminanpassungen bei ITER, die nächsten Haushaltsentscheidungen in Deutschland.